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Risse im Eis

Jede Maus verkroch sich vor ihm. Wo er auftrat, da erschütterte der Parkettboden im Gymnasium. Wo er hinschlug, wuchs kein Kohlrabi mehr. Wenn er etwas sagte, sah man zitternde und bibbernde Jungen. Vor Willi Pfitzke rannte und sprang alles. Er lehrte alle das Fürchten. Wenn Willi mit den Muskeln spielte, bekam der Rest vom Schützenfest, wie man so sagt, eine Gänsehaut. Und das Mundwerk ging den ganzen Tag, gefüllt mit aufgedunsener Prahlerei über sich und sein Können.

„Wer von euch wagt es, heute nachmittag mit mir aufs Eis zu gehen?“ fragte Willi mit stolzer Miene. „Na, wieder keiner?“ Wolfgang Randersbach meldete sich zaghaft.

„Wenn du meinst, Willi, dann gehe ich mit“, reagierte Wolfgang ängstlich.

„Und sonst, ihr Pfeifen, habt ihr alle Kartoffelbrei in den Füßen?“ Willi provozierte die Schar der jugendlichen Zuhörer mit gemeinen Sprüchen. Wie aber so oft, wagte es niemand, ihm zu widersprechen.

Am Nachmittag versammelte sich Willis Miniaturmannschaft und eine Reihe der Schüler am kleinen Feldsee bei Tübingen. Wolfgang Randersbacher blieb zu Hause. Die Nächte zuvor waren in diesen Januartagen recht kalt gewesen, doch nicht so, daß die Eisschicht fest genug war.

„Na, Pipsheini“, so nannte Willi den kleinen Heinz Wagner, „haste Lust, mit mir ’ne Rutschpartie auf dem See zu veranstalten?“

„Nein, Willi“, antwortete Heinz, „die vielen Ausrutscher deiner Gemeinheiten in der Schule genügen mir“, betonte er.

Das blieb nicht ohne Folgen. Batsch und boing – die glatte Handfläche von Willi landete im Gesicht von Heinz.

„Keiner widerspricht mir, ist das klar?“

„Angeber, Angeber“, schrie Heinz verzweifelt. Der Rest der herumstehenden Schüler schwieg wie immer. Die Katastrophe jedoch nahm  ihren Lauf. Willi stieg mit seinen 70 Kilo auf die Eisfläche. Zuerst betrat er vorsichtig das Eis, dann schritt er mutig auf die Seefläche.

„Achtung, das Eis, es bekommt Risse!“ rief einer der Jungen. Einige kreischten. Doch Willi beachtete in seinem Hochmut keine warnende Stimme und rutschte auf dem Eis wie auf einer Tanzfläche hin und her.

„Aaaaah!“ Das Eis brach schnell. Obwohl der Feldsee ein kleines Gewässer war, so war es doch auf der Mitte über drei Meter tief.

„Hiiilfeee, so heeelft mir doch!“ Alle standen geschockt herum. Einige liefen schreiend davon und suchten nach Hilfe. Heinz war noch am Ufer in Gedanken. Auch er war mitgekommen, um zu sehen, wie diese Rutscherei auf dem See ausgehen sollte. Heinz dachte gedankenversunken darüber nach, wie oft auch ihm Ausrutscher durch dumme Worte, schlechtes und hinterhältiges Reden und Handeln passiert waren.

Da wurde er aufgeschreckt. Blitzschnell wußte er, daß dies nun seine Aufgabe war, als Christ zu helfen. Er holte einen riesigen Stock aus dem verschneiten Gebüsch und hielt Willi dieses Geäst hin. Dieser schnappte mit letzten Kräften danach. Total durchnäßt und halb erfroren saß er wenige Minuten später im Krankenwagen.

„Das hätte ich nie von dir gedacht, Heinz“, sagte Willi.

„Na ja, es kann ja jedem so ein Ausrutscher passieren“, erwiderte lächelnd Heinz.

„Aber ich bin mit meinem Mund schon oft aufs Gesicht gefallen. Sorry, Heinz!“ sagte Willi.

„Tja, meine Nase ist eigentlich auch schon ganz platt von den bösen Ausrutschern, die ich schon dachte oder tat. Sollen wir nicht in Zukunft dem vertrauen, der sagt: … er läßt deinen Fuß nicht gleiten?“

„Meinst du damit Gott?“ fragte Willi.

„Natürlich, keinen anderen meine ich. Mit ihm können wir sicher gehen, und wenn wir mal hinfallen, hilft er uns auch wieder.“

„Ist das sicher?“ röchelte Willi vor Kälte zitternd.

„Sicher! Ganz, ganz sicher!“ antwortete Heinz.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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