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„Psst … nicht so laut, Justinius!“

„Mama, was macht denn der Onkel dort?“ fragte der kleine Justinius, als er einen Mann sich mitten auf dem Acker vor den Zuckerrüben verbeugen sah.

„Ja, Justi, paß nur auf, das machen doch viele! Der Mann betet doch den Gott des Feldes an und dankt ihm für die Saat und die Ernte.“

„Und … und was macht denn die Frau dort drüben auf dem Steinhügel?“ quengelte Justinius aufgeregt seine Mutter.

„Du fragst mir wohl heute wieder ein Loch in den Bauch – aber … ich will dir antworten. Diese Frau betet den großen Gott der Sonne an und auch die Sonne selbst. Manche beten den Flußgott an. Andere bauen sich selbst ein Bild aus Stein und Ton und beten den Gott in sich selbst an.“

„Siehst du dort den Mann mit dem spitzen Hut?“

„Der hat einen Stift und eine Tafel in der Hand und wartet, bis es dunkel ist. Dann befragt er die Sterne nach der Zukunft.“

„Mama, gibt es denn so viele verschiedene Götter und hören die auch?“ stupste Justinius seine Mutter in die Seite.

„Ei, Justi, das verstehst du doch noch nicht. Es gibt Tausende von Götter!“

„Und wer hat die erfunden?“

„Justinius! Jetzt wirst du aber aufdringlich. Woher soll ich das wissen – die gibt’s halt und damit Schluß!“

„Und weshalb sagt unser Nachbar, daß man den Kaiser jeden Tag dreimal ehren soll?“

„Weil er das so bestimmt hat, daß er, der Kaiser Domitian, der Größte ist, basta! Wir alle müssen den Kaiser in Rom anbeten und wehe, einer tut es nicht. In allen 43 Ländern von Ägypten bis nach Britannien und noch viel weiter müssen das die Leute tun, also alle Länder, die unsere Soldaten erobert haben.

„Was, Mama, so groß ist unser Land?“

„Ja: groß, reich und mächtig. Viele haben Angst vor uns!“

„Ist das richtig, Mama?“

„Uuuh, deine ewige Fragerei!“

Justinius und seine Mutter Susannia trabten die gute römische Straße aus Pflastersteinen entlang. Sie waren unterwegs, um von Tracitus, dem Dorfvorsteher ihres Heimatortes, ein Schreiben an eine kleine Häuserkolonie vor den Toren Roms zu überbringen.

„Mama, ist Rom groß?“ stotterte sanft Justinius zur Mutter hin.

„Oh, Justi, sehr, sehr groß – über eine Million Einwohner hat unsere Stadt. Und modern ist unsere Hauptstadt: viel Betrieb und Lärm und viele Gelehrte und berühmte Leute wohnen dort“, schwärmte Susannia. „Heute ist auf unserem Festplatz, dem Kolosseum, ein großes Ereignis. Siehst du die Leute alle … sie strömen in die Arena, dem Sport- und Kampfplatz unseres Volkes. Hmm … und die Löwen … hungrige Löwen. Und da …“ Die Mutter stockte. „Jetzt gehen wir weiter!“ sagte sie forsch zu Justinius. Sie schwiegen einige Schritte.

„Mutter, weshalb erzählst du nicht weiter?“

„Weil … weil dich das nichts angeht“, antwortete sie streng.

„Aber Mama, Abigus, mein Freund, sagte mir heute früh, daß Menschen vor die Löwen geworfen werden sollen – noch in dieser Woche. Passiert das heute?“ Etwas blaß im Gesicht, wandte sich Susannia, seine Mutter, dem Jungen zu:

„Psst … und nochmals Pssssst! Sei nicht so vorlaut, und schreie nicht so in der Gegend herum!“

„Aber, Mama, was haben die Leute denn getan, daß sie dort vor die Löwen geworfen werden? Sind das Verbrecher?“

„Justinius – mußt denn du immer alles wissen, du vorlauter Bengel? Ja, ja – du läßt ja doch nicht locker, und irgendwann wirst du es ja doch erfahren. Diese Leute sind, sagt man, Christen. Und unser Kaiser Domitian hat beschlossen, sie den Löwen vorzuwerfen, weil sie diesen Christus-Gott anbeten. Sie sagen, daß es nur einen Gott gäbe, den sie anbeten würden. Und …“

„Ja, was und“, rief ungeduldig Justinius.

„Und das bringt Domitian auf die Palme. Er kann es nicht leiden, daß es anscheinend außer ihm noch einen Herrn gäbe. Und … ja, nun diese Christenleute hören allein auf die Anweisung der biblischen Schriften und des Christuswortes.“

„Und das ist so schlimm, daß sie sterben müssen, Mama? Und ist das wahr, daß dieser Christus allein recht hat und nicht unser Kaiser?“

„Auweia, bist du denn leiser? – Domitian und viele andere sind sehr beleidigt, wenn diese Leute allein diesen Christus Jesus als König, Herrn und Gott verehren. Wer das tut, muß mit dem Tod rechnen!“

„Und, Mami, hören dann die anderen Leute auf, an diesen Christus zu glauben, wenn sie dann hart gestraft werden?“

„Nnnein … nein“, antwortete die Mutter nachdenklich.

„Sie sind sogar fröhlich, wenn die Löwen schon fauchen. Im Gefängnis singen sie Lieder.“

„Mami, achten sie den Kaiser denn nicht?“

„Doch, doch, sogar mehr, als manche, aber ihn anbeten, das können sie nicht, sagen sie.“

„Mama, sind das unbequeme Leute für den Kaiser …?“

„Ja, ääh …, aber jetzt hört es auf Justinius. Kein Wort mehr!“

Susannia kam selbst ins Nachdenken. Sie dachte bei sich selbst: „Irgendwie ist es wirklich eigenartig: Nur weil dieser Christus die Menschen frei und froh macht, wie sie sagen – was kann dabei falsch sein … auch einige von meinen früheren Freundinnen sind anders geworden. Was ist da bloß dran?“

Plötzlich wurde das Gespräch und die Gedankenfolge hart unterbrochen. Drei Soldaten und ein Hauptmann der römischen Stadtgarde riefen soldatisch zackig: „Halt, Leute! Kontrolle!“

„Was habt ihr da für ein Schriftstück in der Hand?“ zischte der Hauptmann fordernd.

„Wir, wir haben von Tracitus, dem Dorfvorsteher, ein versiegeltes Schreiben an den Vorsteher unseres Fünf-Häuser-Dorfes.“

„An Panstephanas etwa?“ fauchte der Hauptmann. Er riß das Schriftstück Susannia aus der Hand und entfernte mit nervösen Fingerbewegungen das Dorfsiegel. Er knitterte den Brief auf und las hastig den Inhalt.

„Aha, diese Christenhunde – wieder ertappt!“ Susannia und Justinius traten erschrocken etwas zurück. Susannia zitterte.

„Ich hab es nur überbringen wollen, ich wußte nichts von dem, was darin stand“, verteidigte sie sich und Justi.- Mürrisch und hochnäsig zogen die Soldaten mit dem Schriftstück ab und schritten eilig die Straße entlang. Bald bekam Panstephanas einen grausamen Besuch.

„Mmmmamma, w… was passiert jetzt mit diesen L…leuten?“ lispelte Justinius angstvoll zu seiner Mutter. Die Mutter schwieg. Sie hatte Tränen in den Augen. Von weitem hörte man das hämische Gelächter der Soldaten.

„Ha, ha, ha …“, lachten sie lauthals, „alle Verräter machen jetzt Bekanntschaft mit den niedlichen Katzen. Paah, das wäre doch gelacht. Die bringen wir alle, alle zum Schweigen. Alle! Bald gibt es sie nicht mehr!“

Doch im Jahre 96 nach Christus gab es Kaiser Domitian nicht mehr.

Im Jahre 395 nach Christus gab es das große, herrliche und – wie sie sagten – unzerstörbare Römische Reich nicht mehr. Aber es gab mehr Christen als 15 Jahre oder über 150 Jahre vorher. Um die 50 Kaiser kamen, siegten und … starben oder wurden heimtückisch umgebracht. Domitian wurde von seiner Familie umgebracht. Und die Christen, die Jesus liebten? Sie wurden immer mehr, trotz der harten Verfolgung. Ab dem Jahre 313 gab es mindestens offiziell von seiten der Römer gegen die Christen keine Verfolgung mehr. Aber echte Christen wurden und werden immer gehaßt, weil sie Jesus absolut gehorchen und ihm allein dienen. Und Christen in unserem Jahrhundert, sogar zu unserer Zeit? Auch sie werden verlacht und verspottet, ja in manchen Ländern sogar umgebracht.

Kann man den Siegeszug des Evangeliums bremsen? Übrigens … wie hätte Justinius seine Mutter gefragt:

„Mama, kann man die Bibel und die Bibelchristen stoppen?“

„Nein, mein Junge, nein, nein, niemals“, müßte Susannia zugeben.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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