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Motzerei in der Landsberger Allee

„Handelskomplex!“ Die zarte Stimme der Ansagefrau in der Linie 6 wies auf eine Haltestelle in Berlin hin. Alexandras leeres Gesicht blickte durch das Fenster der vor sich hintuckelnden Straßenbahn. Sie war eigentlich auf der Flucht.

„Ich kann das Gemeckere meiner Mutter nicht mehr hören“, stammelte sie halblaut vor sich hin. Und so packte sie einige Wäschestücke und schmiss sie in eine Reisetasche. „Ich hau ab und komm so schnell nicht wieder“, schrie sie verärgert ihrer Mutter zu, mit der sie allein in dem Gebiet der Rheinstraße wohnte. „Ich werde noch zum Hirsch mit dieser Frau“, trotzte die Vierzehnjährige. „Immer dieses ‘Alex, tu das, tu jenes, räum da auf, putz das weg’-Gerede!“ Doch Alexandra war es ganz tief in ihrem Herzen nicht wohl dabei, wie sie ihrer Mutter gegenüber reagierte. Sie wusste, dass ihre „gute“ Mutter den ganzen Lebensunterhalt für sie beide bestreiten musste. In der Nähe des Velodroms, einer Radsporthalle in Berlin, schuftete und rackerte ihre Mutter jeden Tag fast zehn Stunden lang – putzend bei fremden Leuten. Und abends war dann noch der Haushalt dran. Seit jenen Tagen, als ihr Vater drei Jahre vorher an einem Krebsleiden starb, war die kleine Familie durcheinander. Ihre Mutter wurde fast in einer Nacht „grau“ auf dem Kopf, weil sie Vater so sehr vermisste. Und die Trostlosigkeit packte die zwei Frauen in ihrer kleinen Wohnung und riss sie gemütsmäßig in die Tiefe.

Nun schaukelte Alexandra verbissen und verzagt mit der Straßenbahn in Richtung Stadtmitte. Einfach raus aus der Kiste! In ihr geisterte der Satz ihrer Mutter herum: „Deine Faulheit, deine elende Faulheit werde ich nie akzeptieren!“ War sie wirklich faul? Sie machte doch ihre Schulaufgaben, sie besorgte doch ab und zu einige Lebensmittel, sie entsorgte doch regelmäßig den Abfall in den Container. Diese Vorwürfe mir? Paah!

In der Nähe der Landsberger Allee stieg das Mädchen dann doch früher aus. „Endlich frische Luft statt Tingeltangel-Gestank in der Strassenbahn“, dachte sie. Und was war das denn? Alexandra schlenderte so teilnahmslos die Straße entlang, als sie einige Gitarrenklänge hörte. „Jetzt hört doch alles auf! Diese altmodischen Typen mit ihren ewig gestrigen Vorträgen und vergilbten Schriften, die sie an Passanten verteilen!“ Wieder einmal motzte Alex über Gott, die Welt und diese Menschen herum, die auf der Straße von Jesus Christus erzählten. „Komisch“, dachte sie aber dann, „das sind ja lauter junge Leute, wie ich.“ Distanziert, eben als wenn sie niemals zu ihnen gehören wollte, stand sie nägelkauend an der Bordsteinkante und verfolgte dennoch höchst aufmerksam das Tun dieser Gruppe. „Was die haben … hhmm … die haben doch was …, was ich nicht habe. Ist das etwa ein religiöser Tick? Oder gar ein Rattenfänger-Trick einer Sekte?“ Irrlehren und solche verdrehten Splittergruppen gibt’s in Berlin wie Sand am Meer. „Die kommen mir aber echt vor“, dachte sich Alexandra, als sie die Lieder und Berichte in sich aufnahm.

„Ohne die Liebe Gottes in deinem Leben wird sich an deinem Leben nichts ändern“, predigte ein junger Mann dieser christlichen Gemeinde aus Berlin-Charlottenburg.

„Wie meinen Sie das?“, unterbrach Alexandra den Redner.

„Ich meine damit, dass dir alles fehlt, wenn dir Jesus Christus fehlt. Jesus Christus – seine Kraft zu lieben und zu vergeben“, antwortete er auf Alexandras Frage.

Das traf sie direkt. Ihr fehlte also Jesus, um zu lieben, um zu leben, um …

Schnurstracks fuhr Alex mit der nächsten Bimmelbahn zurück nach Hause. Diese 10-15 Minuten waren die entscheidendsten für das Mädchen.

„Herr Jesus, wenn es dich gibt und du mir fehlst, dann will ich dich bitten, dass du in mein Leben kommst und mich veränderst“, betete sie. Und da stand sie nun vor der heimischen Wohnungstür. „Mami – ich glaube, dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Ihre Mutter konnte den Mund nicht mehr zubringen. Hatte sie richtig gehört? War sie krank? Doch Alex war kerngesund in ihrem Herzen seit diesem Nachmittag. Alexandra erzählte ihrer Mutter nicht gleich alles. Das hätte diese nicht verstanden. Doch sie wollte die Liebe Jesu nun praktisch und eifrig vorleben.

Und ihre Mutter merkte es recht schnell. Die faule Alexandra wurde ein fleißiges Lieschen. Nicht alles erfolgte problemlos – aber völlig hoffnungsvoll! „Deine Liebe, die will uns verändern …“, summte Alexandra vor sich hin, während sie seit jenem dritten September Jesus gehörte und das berühmte Geschirr nicht widerwärtig, sondern fröhlich spülte. Zwischen Straßenbahn und Häusermeer lernte sie vor Tagen Jesus Christus kennen. Und dieser Herr Jesus Christus gestaltete ihr Leben.

Mit ihm kann sich jedes Leben verändern. Mal schneller, mal langsamer, aber immer spürbar!

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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