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Lothar hat’s gesehen

„Au Backe, das gibt eine mordsmäßige Aufregung!“ Blitzschnell, was das Zeug hielt, bog Dieter Köberle mit seinem Mofa in die Brückenstraße ein. Die Katastrophe schien perfekt. Die Meute war hinter ihm her. Er hatte sie ertappt. Aber es ging nicht um ihn. Um Lothar ging’s. Lothar Rieker.

Dieters Freund lag an diesem Samstagmorgen um halb 11 noch in den Federn. Sturmgeläut wie im Krieg. Lothars Mutter öffnete die Tür.

„Schnell, Frau Rieker, ich muß Lothar sprechen … es ist dringend …“

„Na, nun mal langsam – Mensch, habt ihr ein Tempo drauf!“ schwächte Frau Rieker ab. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, schaute von der Haustüre hoch zum Fenster und sagte zu Dieter: „Du, die Vorhänge, die sind noch zu. Na … warte … ich rufe mal hoch … Looothaaar, dein Leib- und Magenfreund ist da!“ Nach kurzer Hörpause durchdrang eine halbwache Stimme die Tür vom Obergeschoß nach unten.

„Ja – was ist den los – mitten in der Nacht? Um was geht’s denn, Dieter?“ Schlaftrunken torkelte Lothar langsam die Holztreppe herab. Ganz aufgelöst, die Haare zerzaust vom Wind und mit Schweißtropfen auf der Stirn stand ein Häufchen Elend namens Dieter vor Lothar Rieker.

„Hey, die jagen dir hinterher, weil du’s gesehen hast“, keuchte er. Verdutzt blickte Lothar ins Leere.

„Da … da … das kann nicht sein, die konnten mich doch gar nicht sehen, als ich hinter dem Supermarkt stand – und … ich wollte doch nur die Fahrradtaschen mit Milchflaschen füllen und da …“ Der Atem stockte vor ängstlicher Entschuldigung. Ganz außer sich vor Aufregung, kaute Lothar an seinen Fingernägeln. Lothar Rieker hatte nämlich einige düstere Typen beim Autoknacken in Dettingen an der Erms bei Stuttgart beobachtet. Das Gerücht machte in der Knackerbande die Runde, und jetzt ging’s zur Sache. Sie suchten Lothar, um ihn mundtot zu machen. Und er war eben nun der einzige Hauptzeuge. Bei allen Freunden von Lothar „fahndeten“ sie nach ihm. Und so standen sie auch morgens bei Dieter Köberle, um ihn auszufragen. Sie hatten mitgekriegt, daß er Lothars Freund ist.

„O weh, das gibt ein Unglück, wenn die dich schnappen“, meinte Dieter stockend.

„Wen soll ich nur in die Sache einweihen?“ tönte Lothar heiser. „Wenn da kein Wunder passiert, dann …“

„Was heißt Wunder? Gott kann uns helfen – oder ist das alles Kopfwissen, was wir im Gottesdienst bei Pfarrer Dinkel im Konfirmandenunterricht aus der Bibel gelernt haben?“ Uwe Autenrieth, Klassenfreund von den beiden, stand plötzlich neben den ratlosen Freunden an der Türschwelle.

„Und wie soll das Wunder geschehen?“ entgegneten sie. Frau Rieker war unterdessen ans Telefon gerannt und rief ihren Frauengebetskreis an. Sie erklärte die Situation und flehte: „Betet Sturm dafür, bitte!“ Und das Unmögliche schien zu passieren.

Auch die Polizei war hinter der Autoknackerbande her. Damit hatte allerdings die Bande nicht gerechnet, daß Theo Ullrich vom Jugenddezernat ihrer Spur an diesem Morgen auch gefolgt war. Drei Polizeiautos und 12 Beamte waren im Einsatz. In einer spektakulären Verfolgungsjagd bei Glems im Ermstal wurden die Verbrecher von dem Einsatzkommando gestellt und an diesem Samstagmorgen geschnappt.

Doch Riekers und die Jungen wußten das nicht. Das ganze Wochenende war ein Alptraum für Lothar. Familie Rieker hatte wohl auch die Polizei benachrichtigt, aber die Nervosität und Angst vor Rache oder sonstiger Folgen stand im Mittelpunkt aufgeregter Gespräche. Als dann die Regionalzeitung „Ermstalbote“ am Montagmorgen von der Verhaftung berichtete, gab’s eher Tränen vor Erleichterung.

„Das kann ich nicht glauben – das ist doch total ein Märchen mit Schuß!“ Lothar Rieker hatte fast keine Worte mehr.

„Das hört sich ja wie eine erfundene Geschichte an“, bemerkte Dieter Köberle, sein Freund. „Pooh, das war ein Alptraum!“

„Stop! – Jetzt tun wir nicht so, als ginge das auf unser Konto“, sagte die tiefernst klingende Mutterstimme. „Das war doch eindeutig das Wunder der Bewahrung Gottes“, sagte sie. „Und das geschieht täglich tausendmal weltweit durch Gottes Hand.“

Die rauhe Stimme von Herrn Rieker klang dazwischen wie ein mahnender Prophet der Bibel. „Und es muß kein Bankraub oder Luftangriff stattfinden, damit Gott seine Wundermacht zeigt!“ fügte er noch hinzu. Herr Rieker schöpfte sich noch etwas von der heißen Grießklößchensuppe. „Schau nur zum Fenster hinaus – alles Wundertaten Gottes!“

Lothar blickte ehrfurchtsvoll seinen Vater an und fragte: „Alles? Und … bewahrt Gott so oft?“

„Ja, Junge, viel mehr als du denkst!“ Die Suppe wurde fast kalt, so angeregt waren die Gespräche daraufhin …

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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