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Im Tal der Giftspinnen

Bernd Arnold war kein Abenteurer. Die Schule durchlebte er mittelmäßig. Sein alter Lehrer Ewert sagte immer: „Junge, wenn du nicht mehr Schwung in die Knochen bekommst, weiß ich nicht, wie du mal das Leben meistern willst.“ Bernd war schon ein Angsthase, und das wußten seine Schulkameraden. Einmal versteckten sie ihm eine Blindschleiche in der Schulmappe, ein andermal legten sie ihm eine Gummispinne zwischen das Pausenbrot. Für die Kinder bedeutete es einen garantierten Lacherfolg, für Bernd allerdings war dieser Scherz ein halbtödlicher Schrecken. Kreidebleich und total eingeschüchtert nahm er regelmäßig Flucht vor seinen „lieben“ Mitschülern und sprang weinend davon.

Die Jahre vergingen. „Die Brillenschlange“, (wie ihn die Realschüler bei der Abschlußfeier nannten) flüsterten sie sich ins Ohr, „was aus dem Arnold mal wird?“ Jörg Maier, der Klassensprecher, zog die Augenbrauen hoch und kicherte dümmlich: „Der wird Straßenkehrer, und seine Mami hält ihm das Händchen!“ So einen Spaß machten sie mit ihm, ahnten aber nicht, was sich einige Zeit später ereignete.

Wiederum verstrichen die Jahre. Jörg Maier besuchte noch das Wirtschaftsgymnasium und wurde Leiter der Bank. Eines Tages klingelte das Telefon am Schreibtisch von Direktor Jörg Maier. Der Oberbürgermeister war am Apparat. „Herr Maier, die Kirche bat mich, in Verbindung mit der Bank einen Vortrag in der Volkshochschule zu organisieren. Ein bekannter Missionsarzt, der in Nigeria tätig ist, wurde von der Kirche eingeladen, bei uns in seinem Heimatort zu sprechen. Würden Sie sich an den Kosten beteiligen?“

„Ha ja, keine Frage“, erwiderte Jörg Maier. „Das ist doch interessant, zumal der Mann ja von unserer Stadt kommt. Also, wir bezahlen die Plakate.“ „Wie heißt denn der Arzt?“ fragte Jörg. Als Oberbürgermeister Göllner den Namen des Missionsarztes sagte, wurde Jörg schwindelig. „Buchstabieren Sie nochmals den Namen des Arztes!“

„Bernd Arnold! Mit A und D am Schluß – warum fragen Sie so komisch? Haben Sie meine Worte nicht verstanden, oder kennen Sie den Mann?“ fragte der Bürgermeister.

„Und ob ich den kenne. Das wird eine Sensation!“

Jörg lud alle seine Schulkameraden ein, ohne ihnen zu sagen, wer den Vortrag hielt. Auf den Plakaten stand nur, daß ein Missionsarzt über das „Tal der Giftspinnen“ berichten würde. So kam der Abend. Alle warteten gespannt auf den Mann.

„Der muß ja ein Kraftprotz sein, wenn er da hingeht“, sagte ein ehemaliger Schüler.

„Tja, das darf kein ängstlicher Typ sein“, meinte ein anderer. Plötzlich wurde mit einem Applaus der abendliche Redner vom Oberbürgermeister begrüßt. Die ehemaligen Rabauken der Realschule fielen fast vom Stuhl. Mit kurzen, zackigen Schritten eilte Missionsarzt Dr. Bernd Arnold, Leiter der Krankenstation im „Tal der Giftspinnen“, aus Nigerai ans Pult.

Mit einem Grinsen schaute er seine ehemaligen Mitschüler an und begrüßte sie herzlich.

„Ja, ja, Gott meinte es gut mit mir. Auf einer Freizeit der Studentenvereinigung kam ich zum Glauben an Jesus Christus. Und der berief mich gerade dahin, wo ich nie im Leben hinwollte.“ Jörg Maier hörte den Vortrag sichtlich gerührt an, wie die Stationen im Leben des Bernd Arnold weitergingen.

„So kann Gott jeden Menschen gebrauchen. Und wenn er jemanden zu einer Aufgabe beruft, dann befähigt er auch den Ängstlichen, Dummen oder oft gerade den, von dem es alle Welt nicht vermutet“, sagte Bernd Arnold in seinem spannenden Vortrag. „Und im „Tal der Giftspinnen“ behandeln wir vor allem die Ärmsten der Armen und sagen ihnen am Krankenbett das Evangelium von der Liebe Gottes.“

„Ach, die Giftspinnen interessieren Sie?“ fragte Bernd in die Menge. „Bei uns gibt es so viele in dem Gebiet, daß sie eine Plage sind. Aber nicht immer sind sie gefährlich. Man muß sie ja nicht gerade küssen!“ Der Saal grölte vor Lachen. Die Realschüler waren baff.

„Ich muß zugeben, daß eigentlich ich ’ne Flasche bin“, sagte einer von ihnen. Alle begrüßten und bestaunten Bernd Arnold am Schluß der Veranstaltung.

Doch einer blieb still in der Saalecke und wartete, bis die meisten Zuhörer draußen waren. Es war Jörg Maier. Bewegt vom Vortrag fragte er: „Kann Gott mich auch so verändern wie dich, Bernd? Denn das, was er aus deinem Leben gemacht hat, das hättest du doch selbst nie hingebracht?“

„Stimmt“, antwortete Bernd. „Von Natur aus bin ich immer noch unfähig und absolut ängstlich. Aber Gott hilft überwinden und gibt Kraft, große Kraft! Und dich, Jörg, herzlich gern will er auch dich verändern. Das kann der mächtige Gott. Bitte ihn doch darum, daß er dein Leben in seine Hand nehmen soll“, betonte Bernd. „Gott macht auch aus dir, dem Chef der Volksbank, noch was, wenn er der Chef deines Lebens wird!“

Jörg Maier nickte nicht nur zustimmend. Er nahm den Rat an.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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