Home   Bibelpiloten   Kurzgeschichten   Geistermusik im Treppenhaus

Geistermusik im Treppenhaus

Oma Schulze schoß halbwegs aus ihrem gemütlichen Sessel. „Jetzt gibt es auch in Berlin schon Erdbeben!“ rief sie laut hinaus. Ganz verstört torkelte sie, mittags um halb zwei, noch benommen vom Mittagsschläfchen, zur Haustür.

„Was war denn das? Ein Gewitter?“ Sie stieg aufgeregt ein paar Treppen in dem Vier-Familienhaus in Berlin-Reinickendorf hinunter.

„Nein, da macht doch jemand nur Krach“, stotterte sie mit ihren 76 Jahren empört vor sich hin. „Ohhhh … halli, halli, galli, galli…“ drang es unmelodisch und dröhnend aus Familie Kellers Wohnung. Sie klingelte.

„Ah, Frau Schulze – na, was sagen Sie denn zu meiner flotten Musik?“ Fragend, aber verlegen, stand Sammy mit den Schlagstöcken seines Schlagzeugs vor ihr.

Ganz aufgebracht sagte sie: „Junge, weißt du denn nicht, was sich gehört? So eine Geistermusik hätte ich mir in meinen jungen Jahren nie angehört – und es wäre mir auch nie erlaubt worden … und noch was: viel zu laut um die Mittagszeit!“

Etwas benommen von den ernsten Zügen der Frau Schulze entschuldigte sich Sammy. Das hatte er nicht gewollt, zumal er mit seiner Familie und Frau Schulze in die gleiche christliche Gemeinde ging. „Schon gut – nimm aber in Zukunft etwas Rücksicht auf die Alten!“

Diese Musik war wirklich nicht gerade ein Ohrenschmaus, geschweige denn ein guter Textinhalt. Aber mit 14 Jahren? Da muß es doch „heiß“ hergehen? Wirklich? Abends dann: Familie Keller saß gerade beim Abendbrot. Plötzlich hatte man den Eindruck, in der Dachgeschoßwohnung würde ein Mord geschehen. Wie in einem Krimi heulte es. Sammy und sein Vater rannten die Treppen hoch. Es kam aus Oma Schulzes Wohnung. „Oh, Oma Schulze hört ihre Lieblingsschallplatte: Herzilein – du muuuuuußt niiicht trauuuurig sein …“ Oma Schulze drehte den Lautsprecher immer etwas höher, weil sie sonst nicht alles gut verstand. Herr Keller klingelte. Oma Schulze kam zur Tür heraus.

„Ja, Herr Keller, wollen Sie mich besuchen?“

„Ach – es ist bloß ein wenig laut …!“

„Was? Laut?“

Sammy grinste. „Frau Schulze, ist denn ‘Herzilein’ christlicher als ‘Halli, halli, galli, galli’?“ fragte sehr freundlich Herr Keller.

„Da, da, äh, das ist doch was für das Gemüt und …“

„Tja, beides ist laut und jedem gefällt seines“, bemerkte Herr Keller dazu, „aber nichts geht doch über frische Lieder des Evangeliums, wo Jesus groß und wichtig gemacht wird und wo man nur deswegen Herzklopfen kriegt, weil Gottes Wort uns angesprochen hat, oder?“ Oma Schulze und Sammy nickten beide. „Und“, so fuhr Herr Keller fort, „da gibt es halt auch mal etwas schnellere und temperamentvollere Stücke und einmal auch etwas ruhigere für unsere Generation. Wichtig ist doch: Zu Jesus Christus hin ermutigen!“ betonte er.

„Papa, du bist ja ein richtiger Pastor und kannst richtig predigen!“

„Das stimmt!“ Oma Schulze und Sammy reichten sich die Hand. „Weißt du was? Ich höre mir deine guten christlichen Songs einmal an, und du hörst meine Evangeliumsmelodien an“, schlug Oma Schulze vor.

„Morgen?“ fragte Sammy.

„Morgen, gleich morgen“, antwortete sie glücklich.

So hatten beide sich gefunden – durch den guten Hinweis von Herrn Keller.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

Zurück zur Übersicht