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Ein Herz auf dem Nullpunkt

„Der kann nichts anderes als draufhauen, schlagen und kaputtmachen!“ Alle Kinder der ganzen Straße kannten Tommi. Und mit diesem Urteil wurde er gehänselt und niedergemacht. Tommi war ein vernachlässigtes Straßenkind. Er lebte nicht irgendwo in einem Slum in Südamerika, sondern in Berlin. Seine Eltern waren geschieden, und die Mutter hatte so wenig Geld, daß sie ihm nie etwas Besonderes kaufen konnte. Sein Vater hatte ihn immer geschlagen. Jede Kleinigkeit, die andere verbockt hatten, mußte er büßen. Grob und ungnädig wuchs er in einem düsteren Hinterhof auf.

„Da – ein Schlüssel um den Hals, und dann schau, wie du zurechtkommst!“ So und ähnlich hatte er sein Leben zu fristen. Keine Liebe. Nur Forderungen und Vorhaltungen bekam er. „Tommi, hol die Zeitung!“ „Tommi, geh einkaufen!“ „Tommi, zieh Leine! Du störst!“

„Na, Tommi, gehste heute wieder mal zur Baumschule?“ kicherten hämisch die anderen Jungs, wenn er täglich den Weg zur Sonderschule antrat. Und in der Schule war er immer auf der „Eselsbank“ – so wurde nämlich die Bank genannt, wo die dummen und komischen Schüler hingesetzt wurden. Niemand kümmerte sich um ihn. Allein war er. Mußte er so durchs Leben ziehen? Das war doch kein Leben! Das war eine Schande!

Aber es sollte anders werden. Eines Tages kamen einige Mitarbeiter eines christlichen Kinderwerks in den Stadtteil von Berlin, wo Tommi wohnte. Diese Leute erzählten von Jesus. Normalerweise berichteten sie in Parkanlagen und Spielplätzen aus der Bibel, machten Spiele und sangen frohe Lieder. Doch in dieser Adventszeit, wo draußen die Temperaturen nahe dem Nullpunkt waren, bekamen sie in einer alten Fabrikhalle einmal wöchentlich die Gelegenheit, ihre Aufgabe zu erfüllen und dazu Kinder einzuladen. Tommi schlenderte die Straße entlang und las nur ein Schild: „Heute ist in der Fabrikhalle was los! Komm auch du!“

„Ich kommen?“ fragte er sich. So, wie er aussah, so schlampig und miefig – da sollte er hingehen? Nicht nur die Temperaturen waren unten, auch sein Herz war auf dem Nullpunkt. Es mußte sich was ändern, sonst sah er im Leben keinen Sinn mehr. Wieder hatte ihn seine Mutter ins Freie geschickt, damit sie mit ihrem Freund zu Hause allein sein konnte.

„Soll ich da hingehen?“ Und er schlich sich an die Hallenwand. Da hörte er einen Mann reden.

„In einer Höhle, in einer vielleicht dreckigen Höhle mit dem Mief von Tieren und dem Gestank von Stroh – da kam Gott selbst zur Welt. Gott wurde arm für dich!“

Tommi hörte hellwach, trotz Knieschlottern vor Kälte, diese Geschichte. Leise schlich er in die Halle und setzte sich nicht einmal auf einen Stuhl, sondern halbwegs auf ein Geländer.

„Heute ist Jesus Christus für dich gekommen. Vertraue ihm und dein Leben wird sich ändern“, sagte der Mitarbeiter dieser Kindermission. Plötzlich krachte das Geländer zusammen, worauf sich Tommi befand. Lauthals lachten alle Kinder, als sie Tommi sahen.

„Natürlich wieder Tommi!“ rief ein Kind schadenfroh durch die Halle. Und der Leiter vorne? Der war ganz anders. Er reagierte freundlich.

„Wie heißt du denn – habe ich richtig gehört – Tommi? Was für ein schöner Name! Komm, du darfst dich auf diesen Sonderstuhl setzen!“ Tommi rastete fast aus. Schon wieder eine Eselsbank? Aber Tommi wußte nicht, was der Leiter am Anfang der Veranstaltung gesagt hatte: „Der Höhepunkt der Veranstaltung wird der sein, daß wir einem Kind heute die Ehre geben werden, auf dem Königsstuhl zu sitzen!“ Irgendwie kam es Tommi auch so vor, daß diesmal kein Kind vor Überlegenheit lachte. Es war ganz anders. Die ganze Halle war still und die Atmosphäre feierlich.

„Komm doch, Tommi! Du bist unser Ehrenkind und darfst auf den Königsstuhl. Und wer da hin darf, der wird reich beschenkt!“

„Aber – ich habe das doch gar nicht verdient, ich habe doch …“ verteidigte sich Tommi.

„Lieber Tommi, Gott wurde arm für uns – und er will uns zu Königskindern machen. Er liebt dich, Tommi! Deshalb wird es Weihnachten und … du sollst ein Königskind werden! Ich wähle dich dazu aus“, sagte der Leiter mit leuchtendem Gesicht. Ungewöhnlich – aber alle Kinder applaudierten. Tommi bekam ein ferngelenktes Auto und fünf Tafeln Schokolade, einen Gutschein für fünfmaligen Eintritt ins Freibad, wenn’s wieder Sommer würde. Er wußte nicht, wie ihm geschah. Das allererste Mal im Leben wurde er so angenommen, wie er war. Zum erstenmal freundliche Worte und zum erstenmal hörte er von einem Gott, der ihn liebte: Jesus Christus! Und dieser Jesus hatte fast eine Lebensgeschichte wie er!

Am Ende der Kindertage ging Tommi zu dem Leiter und sagte ihm: „Ich will auch ein Königskind werden, aber nicht wegen der Geschenke, sondern wegen dem Herrn Jesus!“ Gerührt zeigte der Mann ihm, wie man Jesus ins Leben aufnehmen und ihm nachfolgen kann.

Tommi wurde ein neuer Mensch in dieser Adventszeit. Gott hatte ihn, den so viele Leute abgeschrieben hatten, brauchbar gemacht. Später konnte Tommi eine Ausbildung zum Heizungsbauer machen und gehörte zu einer christlichen Gemeinde in Berlin. Das Kind von der Eselsbank blieb ein Kind des Königs Jesus Christus. Und er erzählte dann auch anderen verwahrlosten Kindern von Jesus. Dieser eine Tag damals in der Adventszeit 1965 wurde wieder ein lebendiger Beweis, daß der Sohn Gottes, Jesus Christus, Menschen verändern kann – in jeder Lage, zu jeder Stunde und jeden … egal, wer es ist!

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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