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Die Verräterin

„Aber du mußt mir versprechen, niemand etwas zu sagen!“ Eindringlich bat Juliane ihre Freundin Karin um ein vertrauliches Schweigen. Juliane Obersdörfer verriet ihr ein Geheimnis, das sie schon lange mit sich herumtrug.

„Um was geht’s denn?“ fragte Karin.

„Was ich dir jetzt sage – bitte verrate mich bloß nicht, ich muß mich darauf hundertprozentig verlassen!“

„Na, schieß schon los, geht doch klar!“ antwortete Karin. Und so begann Juliane zu erzählen.

„Also: Kürzlich stöberte ich in älteren Büchern meines Vaters herum, die sich im Regal des Büros befanden. Ich suchte eigentlich nur ein Formular für die Schule, das angeblich auf dem Schreibtisch liegen sollte. Und … da …. da entdeckte ich ein älteres, schon vergilbtes Schreiben, worauf stand: ‘… und was die finanziellen Angelegenheiten ihrer Adoptivtochter Juliane betrifft …’ Karin, verstehste denn? Begreifst du nicht? Ich bin gar nicht die richtige Tochter meiner Eltern, und die haben mir gar nie was davon erzählt!“ Juliane überkam es. Ganz verdattert schneuzte sie in ihr Taschentuch. Nie, nie hätte sie geglaubt, daß gerade so etwas ihr passieren würde, wo sie doch ihre Eltern sehr liebte.

Karin Eller schob vor Entsetzen die Hand vor den Mund. „Oh, dann bist du ja gar nicht die … und ähh … wer sind dann deine Eltern?“ Fragend klemmte sich Karin auf den Stuhl neben Juliane. Die Schüler jener Realschule in Dortmund hatten gerade eine große Pause, und die beiden Freundinnen erzählten sich immer das Neuste.

„Meine richtigen Eltern? – Tja, anscheinend sollen sie irgendwo in Norddeutschland wohnen.“

„Du, Karin, psst, aber sei ja nur still, ich will meine Adoptiveltern selbst fragen, weshalb …“ Die Schulglocke unterbrach das Gespräch. Doch Karin war von der Nachricht so aufgescheucht, daß sie es unbedingt jemand erzählen wollte. Nachmittags radelte sie einige Häuser weiter und klopfte am Haus von Ria Ludemann ans Küchenfenster.

„Mensch, Ria, psst, eigentlich darf’s niemand hören, aber ich hab da eine Neuigkeit …“ Vorsichtig blickte sie dabei um sich. Karin konnte ihren Mund nicht halten. Sie quasselte alles aus, was ihr Juliane anvertraute.

„Das ist ja ‘ne Sensation!“ bemerkte Ria.

„Halt bloß den Mund, Ria“, bat Juliane. „Das ist geheim – aber du schweigst ja gewöhnlich wie ein Grab, stimmts?“

„Klaro, abgemacht!“ Ria konnte sich jedoch nicht zurückhalten und griff ans Telefon.

„Hella, hör mal, über Juliane habe ich erfahren, daß ihre Eltern aus … Nor … Nord … Norwegen oder so … kommen – aber denk dir nur – die sind gar nicht die richtigen Eltern.“

Hella Stricker fuhr am Telefon hoch. „Dann ist Juliane also im Ausland geboren, und ihre jetzigen Eltern sind nur Pflegeeltern?“

„Na, ich weiß nicht so recht … sei leise, sag’s niemand weiter. Es könnte ja falsch weitergesagt werden …“

„Ehrenwort! Das erfährt nicht mal der Kaiser von China!“ Doch auch Hella konnte das Geheimnis nicht für sich behalten. Die Flüsterpost ging immer so weiter … bis sie bei Frau Sonnenstern, der Lehrerin und Mädchenkreisleiterin, ankam. Sie erfuhr über zwanzig Ecken, daß das Gerücht herumging, daß Juliane Obersdörfer angeblich Rezalla Bürstenstiel hieß und der Vater in einem Gefängnis am Nordpol saß. Nur gut, daß diese komische, geheimnisvolle und verlogene Nachricht zu Frau Sonnenstern kam. Sie war überwältigt von soviel Dümmlichkeit und merkte gleich, daß das hinzugesponnenes Zeug war. Diese Lehrerin lebte als überzeugte Christin und empfand das Geschwätz als große Belastung für Juliane und für alle anderen. Juliane merkte wohl etwas von dem Gerede, ahnte aber nichts von dem Ausmaß. Im Mädchenkreis las Frau Sonnenstern einige Bibelworte aus dem dritten Kapitel des Jakobus.

„… die Zunge, ein riesiges Unglück kann man damit anstellen …“, erläuterte die freundliche Lehrerin. „Seid ihr euch im klaren, was das heißt?“ Karin schaute die anderen Mädchen an, und zögernd stand sie auf.

„Ich glaube, ich vermute, ich … ähem … ahne, daß ich da was Falsches in die Welt gesetzt habe. Das muß ich jetzt ehrlich bekennen.“ Wort für Wort spuckte sie nun ihren Wort-Unrat aus. Karin schämte sich schrecklich.

„Juliane wird mich nun nie mehr als ihre Freundin haben wollen“, dachte sie verstohlen, während sie mit ihren Zähnen an ihrem Pulli herumzupfte. Tatsächlich benötigte es über ein halbes Jahr, bis Juliane ihre Bitterkeit und Enttäuschung gegenüber Juliane verlor. Rufmord war das! Doch Frau Sonnenstern half sowohl Juliane als auch Karin in langen Gesprächen und im gemeinsamen Gebet.

„Gott kann Verletzungen heilen, auch wenn es Zeit braucht, bis es verheilt ist, und … Vertrauen muß halt wieder neu wachsen“, sagte die kluge Lehrerin.

Eines Tages – etwa nach acht Monaten – beugte sich Juliane zu Karin hinüber. „Du, Karin“, sagte Juliane, „ich muß dir was verraten …“

Wie ein Sonnenstrahl am Morgen freute sich Karin über das neue Vertrauen, das Juliane ihr schenkte. Einige Zeit benötigte es wohl dazu. Aber Jesus Christus half überwinden. Er konnte die Beziehung wieder neu aufbauen. Wieder einmal bewies er: ihm ist letztlich alles möglich!

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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