Home   Bibelpiloten   Kurzgeschichten   Die verlorene Thermoskanne

Die verlorene Thermoskanne

„Autsch, schon wieder die Knochen verbrannt!“ Irmhilde Müller-Knox war als „Wirbelwind der griechischen Küche“ voll in ihrem Element. Die schwäbische Freizeitköchin war berühmt für ihre schmackhaften, leckeren Speisen. Den Gästen des Hotels „Heraklion“ lief schon beim Namen „Müller-Knox“ das Wasser im Mund zusammen. Was sie bot, war allererste Sahne, beste Qualität. Der Feinschmecker träumte nachts noch von ihren Putenfilets. Ein schmackhaftes Gebrutzel und Gedampfe aus allen Pfannen und Töpfen hörte und roch man im ganzen Park der Hotelanlage. Hingebungsvoll setzte sich die gute Frau für ihre Hotelgäste ein. Und das Lob über sie konnte man nicht steigern.

„Einmalig, diese Frau!“, sagte ein älterer Herr mit Schnauzer aus dem Raum Ulm.

„Wir haben mit dem guten Essen die wohl beste christliche Freizeit in halb Europa“, schob dankbar und lobend Frau Poller hinterher. Man kannte diese Frau gut und manche Gäste kamen jedes Jahr zur Freizeit wegen dieser Köchin und natürlich den täglichen Gottesdiensten. Ja, Frau Müller-Knox war eine seriöse, ältere Dame, die eine gewisse Ähnlichkeit mit einer englischen Schauspielerin hatte. Kinder nannten Frau Müller-Knox hinter vorgehaltener Hand die „Miss Marple“, weil sie dieser im Temperament so glich.

Frau Müller-Knox hatte allerdings, obwohl sie eine gläubige Christin war, eine riesige Schwäche: Ihre Nerven lagen bei jeder Kritik an ihrer Person sehr schnell blank. Hinzu kam, dass sie überaus ordnungsliebend war. Jedes Stäubchen verzog sich, bevor sie mit ihrem Fusselbesen um die Ecke strich. Und alle Tassen im Schrank rückten enger zusammen, wenn sie hörten, dass sie von ihr gebraucht wurden. Frau Müller-Knox hatte Freunde und Distanzierte – vor allem aus der Mitarbeiterschaft. Denen „grauste es“, wenn sie wieder einmal in „Fahrt“ war und mit Kochlöffel und Fleischermesser hantierte und in der Küche herumkommandierte. Jedenfalls konnte es passieren, dass sie an einem schlechten Tag aus „einer Mücke einen Elefanten“ machte.

So war’s auch an jenem Sonntagmorgen. „Ich glaub, ich melk’ die Kühe“, schrie Frau Müller-Knox. „Wo ist meine Thermoskanne? Wo ist meine teure, schöne, herrliche, wichtige Thermoskanne? Ich stelle alle zehn Kannen immer an den gleichen Platz. Aber die Nummer sechs fehlt“, bemängelte sie in einem deftigen Ton, dass es nur so donnerte. Die Mitarbeiter zuckten mit ihren Achseln.

„Keine Ahnung, wo sie sein könnte“, bemerkte schüchtern Fräulein Schonauer, die beim Tischservice mithalf.

„Die muss her, sonst ist alles zu spät!“ Frau Müller-Knox kannte sich nun nicht mehr. Der Kopf ein einziger Vulkan, die Halsschlagader zum Platzen bereit. „Ich muss die Gäste fragen!“ Mit einem Ruck ihrer 95 kg rannte sie auf die Terrasse. Die Gäste frühstückten gerade. Friedlich lag das Meer und plätscherte ein wenig. Die Sonne blinzelte freundlich auf die Sonnenschirme. Schlagartig veränderte sich die Atmosphäre wie kurz vor einem Gewitter. Frau Müller-Knox trat vor die Gäste hin: „Alle herhören! Meine Thermoskanne ist weg! Derjenige, der die Kanne geklaut hat, hat die Chance, sie innerhalb der nächsten halben Stunde wieder an ihren ursprünglichen Platz in der Küche zurückzustellen. Steht sie nach 30 Minuten und 10 Sekunden nicht wieder dort, gibt’s eine Sauerei für alle, wie’s die Welt noch nie erlebt hat!“

Der alte Mann mit dem Schnauzer saß verdattert da. Geschockt blickten die Gäste auf die breitschultrige Köchin. Einer Frau aus Ostdorf bei Balingen fiel das Teelöffelchen vor Schreck aus der Hand. Der Leiter der Freizeit wurde blass. Ihm steckte das Marmeladenbrot halb im Mund, als er diesen Schreckschrauben-Auftritt hören musste. Langsam zog Frau Müller-Knox wieder ab. Mit funkelnden Augen blickte sie auf Herrn Haller, dem in diesem Augenblick hilflosen Freizeitleiter. Diesen Wutausbruch konnte er nicht hinnehmen. Die Gäste waren verunsichert und entsetzt.

„Wieso macht diese Frau so ein Drama wegen einer Thermoskanne?“, fragten sich die Leute. Die Katastrophe über den „geistigen Stromausfall“ dieser Frau blieb jedoch aus. Einige Freizeitgäste nutzten stattdessen diese Situation zum Guten. Sie beteten als wahre Christen für diese sonst so qualifizierte Frau.

„Herr, wir kommen zu dir, damit du dieser Frau hilfst, sich in Zukunft zu beherrschen. Beherrsche du sie!“, beteten diese Menschen in einer schattigen Nische nahe des Swimmingpools.

Und Gott griff ein. In Frau Müller-Knox bohrte es. Als Christin wusste und erkannte sie, dass dieser Wutausbruch nicht gottgewollt war. „Immer dieser böse Feind Gottes, der Teufel, der meine schwache Stelle angreift“, sagte sie zu sich selbst und bat Gott um Vergebung. Und so bekannte sie zuerst vor dem Herrn die Schuld mit ihren Worten. Schweren Herzens trat sie dann beim Mittagessen wieder vor die Gäste. Freizeitleiter Haller hielt die Luft an. Er hatte wohl helfend mit ihr gesprochen, aber … wer weiß?

Mit einem karierten Küchentuch wischte Frau Müller-Knox ihren Schweiß von der Stirn und sprach dann mit tränenverzerrter Stimme: „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich mich so danebenbenommen habe. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich Sie so verärgert habe mit dieser blöden Thermoskanne …“ Die Gäste nickten freundlich und man gewann den Eindruck, dass sie ihr nicht mehr böse waren.

Plötzlich tauchte mit einem Pfeifen auf den Lippen das griechische Zimmermädchen auf und sagte in griechisch-deutschem Akzent vor den Ohren und Augen der Leute zu Frau Müller-Knox: „Gut, dass ich dich sehen. Habe Kanne mitnommen. Tee bleibt gut warm. Danke. Kalimera!“

„Oooh, wie ist das peinlich“, rief Frau Müller-Knox den lauschenden Gästeohren zu.

„Na ja“, sagte der ältere Herr aus Ulm väterlich auf Schwäbisch, „jetzele goht´s nimmermehr om die Fehler, sondern dass die Vergebung Gottes do ischt.“

Und das stimmt! Frau Müller-Knox lächelte dankbar am Tisch bei den Gästen und schlürfte einen Espresso.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

Zurück zur Übersicht