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Die unheimliche Pappelallee

„So, das hast du jetzt davon“, schimpften einige Mädchen ihr zu. Michaela Bauer hatte sich während des Unterrichts immer mit „Matz“, so nannte sie ihre Freundin Heidrun, lebhaft flüsternd unterhalten, bis die Lehrerin, Frau Landenberger, sie dann schon nach dreimaliger Warnung energisch anfuhr.

„Jetzt ist aber Feierabend, Michaela“, ermahnte sie Frau Landenberger, „du kannst einfach deine Klappe nicht halten. Dafür darfst du aber heute nachmittag deinen Füller in Bewegung halten und auf Seite 24 im Mathebuch die Wurzeln ziehen!“ Alle Mädchen und Jungen blickten teils schadenfroh, teils bemitleidend Michaela an.

An diesem Dezembernachmittag dämmerte es draußen schon kurz vor vier. Kurz vor fünf wurde die Stille im Klassenraum durch die Stimme von Frau Landenberger unterbrochen.

„Jetzt kannst du nach Hause  und morgen kommt die Heidrun dran!“ Michaela packte ihre Bücher und Hefte in Windeseile zusammen und schoß wie ein Pfeil, die Strickmütze halb im Gesicht, kaum den Mantel zu trotz der Kälte, schon nach draußen und schlenderte nach etwa 100 m die Pappelallee hinunter.

Draußen war es pechschwarz am Himmel – nicht einmal der Mond ließ sich blicken. Die Allee war mit 8 Energiesparlampen bestückt, die allerdings nur recht zaghaft den Weg ausleuchteten. Die Lichtstange Nr. 6 war sogar ganz ausgefallen.

„Also das ist doch ganz eigenartig: War da nicht etwas im Gebüsch?“ Michaela zuckte zusammen, lief, nein, rannte weiter den Weg hinab. „Knacks“ machte es an einem Baumrand.

„Uiiih, wer da?“ Michaela bebten die Lippen. Da fiel ihr ein, was sie kürzlich in der Jungschar gelernt hatten: „Ich bin das Licht der Welt!“

„Wer ist das Licht?“ Die Leiterin sagte, daß es Jesus sei. „Jesus, das Licht? Na, da wär mir jetzt das Wohnzimmerlicht doch lieber.“ Der Wind heulte noch schauriger. „Das ist ja wie in einem Kriminalfilm“, dachte Michaela. „Ganz mauseallein tappe ich hier im Dunkeln herum, und durch diese komischen Straßenlichter da sieht man doch nichts.“

Ab und zu rauschte ein Auto vorbei. Bei jedem Ton, der an ihr Ohr drang, erschrak sie. Selbst die Kirchturmglocken machten ihr Angst.

„Das darf doch nicht wahr sein, daß ich so eine Angst habe“, sagte Michaela stockend zu sich selbst. Und Jesus? Wie sagte die Jungscharleiterin? „Erwarte nicht, daß Jesus immer auf dein Kommandogebet gleich hört. Aber wenn wir aufrichtig zu ihm rufen, dann erhört er uns  selbst wenn wir manchmal noch warten müssen.“ Michaela wollte aber nicht Jesus nur im Notfall anrufen, wie es so viele Leute in der Not tun und Jesus dann wieder vergessen. Und dann betete sie doch.

„Aber, aber Herr Jesus, aber du weißt, daß ich das vorhin nicht so gemeint habe mit dem Wohnzimmerlicht, äh, ich hab es halt in meiner Angst gesagt. Bitte, du bist doch das Licht, ein ganz helles Licht Und sei mir jetzt ganz nahe, und du kannst auch Mutti schicken.“ Michaela unterbrach sich selbst.

„Au weh, au Mann, jetzt frage ich den Herrn Jesus doch nur wieder in der Not, als ob er nur mein „Wunscherfüller“ oder „Nothelfer“ ist.“ Plötzlich wurde Michaela in ihren Gedankenspielen unterbrochen. Ein kleines Licht näherte sich vom Waldrand ihr zu.

„Ha…ha…hallo …“, würgte sie aus trockenem Hals hervor. Es war eine Taschenlampe. In wenigen Sekunden leuchtete ihr jemand ins Gesicht und sagte: „Ja, Schatz, warum kommst du so spät?“ Michaelas Mutter stand leibhaftig vor ihr.

„Mami, du?“ Michaelas Mutter schüttelte den Kopf.

„Ja, vor dir steht nicht Rotkäppchen. Oder kennst du deine eigene Mutter nicht mehr?“ Jetzt schüttelte Michaela den Kopf.

„Also, daß das manchmal so schnell geht mit …“

„Womit?“ fragte die Mutter. Michaela stoppte.

„Mutti, das muß ich dir erzählen … aber erst daheim im Wohnzimmer …!“

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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