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Die seltsame Begegnung

Annerose plärrte durch die Gegend. Schon wieder eine Sechs in Englisch!

„Ich bring die Vokabeln nicht ins Hirn!“ stöhnte sie an diesem Märzmorgen in Welzheim bei Schorndorf. Auch die sonst so lieben Eltern konnten ihr momentan recht wenig helfen. „Soll ich abhauen?“ Überhaupt war ihr in letzter Zeit alles zuviel geworden. Ihre beste Freundin zog in eine andere Stadt, ein frecher Kerl aus der Nachbarschaft rempelte sie mit nervigen Worten an, sich selbst konnte sie manchmal nicht mehr leiden. „Die ätzenden Pickel im Gesicht!“ klagte sie vor dem Spiegel. Doch was sollte sie tun? Wirklich abhauen?

Pfarrer Dinkel sprach sie immer wieder an, und seine Frau zeigte Annerose durch ihre Wärme immer nur das Beste. Aber – es nützte wenig.

Mit einem Ruck schnappte sie ihre fünf-einhalb Sachen und marschierte durch den Wald in Richtung Aichstruter See. „So eine dumme Bibelarbeit letzte Woche … Gott liebt mich brutto, komplett, wie ich bin … so ein Witz. Mich mögen? Bei diesem Rosinenkuchen im Gesicht!“

Als Annerose mutig durch den Wald schritt, bemerkte sie auf einmal beklemmend, wie still alles um sie her war. Von ferne hörte sie dumpf die Motorsäge eines Waldarbeiters, doch sonst war es irgendwie unheimlich. Ihre Gedanken wurden bei jedem Geräusch aufgeschreckt.

„Bin ich jetzt ganz allein?“ Ihre Eltern hatten ihren Abschied zur Wanderung mit Besorgnis aufgenommen. Plötzlich wurde sie hellwach bei einem Motorengeräusch. War es ein Auto? Im nächsten Augenblick verstummte das Brummen: Eine Joggerin, die auf dem Waldparkplatz ihr Auto parkte.

„Ja, sehe ich recht? Das ist doch Frau Göbel? Ne, mit der Frau will ich nicht tauschen!“ Bei einem Unfall in ihrer Küche hatte sie sich heißes Wasser übers Gesicht gekippt und sah recht entstellt aus.

„Hallo, Annerose, was machst du so mutterseelenallein hier im Wald?“

„Ich, ich wandere zum Baggersee.“

„Ja, wieso denn so allein? Das ist doch gefährlich. Konnte niemand mit dir gehen?“ Mit einem Schlag fing Annerose laut zu weinen an.

„Hier im Wald schreie ich mich aus. Hier hört mich niemand mit meinem Kummer!“ Annerose erzählte die tausend Sorgen der letzten Wochen dieser vom Unfall gezeichneten Frau. Geduldig unterbrach Frau Göbel ihre Joggerei und war aufmerksam dabei, als Annerose das Herz ausschüttete. Auf einer Waldbank konnte Annerose auspacken. Als sie sich wieder beruhigt hatte, blickte sie verstohlen ins Gesicht von Frau Göbel.

„Und wie werden Sie fertig mit ihrem Gesicht, Frau Göbel?“

„Nicht immer gleich gut. Ab und zu spielen meine Gefühle verrückt wie bei dir momentan, Annerose.“ Nach hinten gebeugt hob Frau Göbel einen Stock auf. Was sollte das jetzt? Mit diesem Stöckchen in der Hand schrieb Frau Göbel etwas in den Sandboden.

„Was soll das heißen, was hier auf dem Boden steht?“ fragte Annerose.

„Das ist meine Anlaufstelle für Kummer und Freude!“ beantwortete Frau Göbel die Frage. Langsam entzifferte Annerose das Wort. JESUS war zu lesen.

„Das ist er, der mich ganz und gar lieb hat und mich und meine Familie versteht, gesund oder krank, lustig oder traurig, im Wald oder in der Kirche“, erklärte Frau Göbel. „Jesus liebt mich und gibt mir Kraft, auch selbst so schwere Wege zu ertragen. Punkt!“

Annerose war geschockt. Jetzt mußte sie in den Wald fliehen, auf einem einsamen Weg marschieren, und Gott ging ihr auch danach. „Weißt du, Annerose, Gott weiß, was er dir zumuten kann, und nun verzage nicht, sondern hoffe auf ihn. Heute, hier im Wald!“

Mit Volldampf raste Annerose zur nächsten Telefonzelle und rief ihre Eltern an, daß sie sie abholten.

„Es ist doch unglaublich: Gott schafft es, mir im Wald zu begegnen. So schickt er seine Leute zum Jogging, die mir von Jesus erzählen, also … ich kann’s nicht fassen! Und mir geht’s so gut – und meine Pickel sind wahrscheinlich in einigen Jahren wieder weg …“

Annerose sah ihr Leben in einem neuen Licht – seit der Begegnung auf der Waldlichtung.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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