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Die Oberüberschwätzerin

„Pssst … sie kommt!“ Die Mädchen der Reiterfreizeit tuschelten wie die Weltmeister, als sie Irene Bauer von weitem kommen sahen. Die munteren Plappermäuler konnten ihre Schwatzsucht nicht bremsen. Anscheinend sollte jene Irene, die mit zwei Tagen Verspätung aus einem Kinderheim eintraf, behindert sein.

„Die Unterklasse gibt sich die Ehre!“, murmelte Tammy, die Oberüberschwätzerin, überlegen und stachelte die anderen auf.

„Nieten gibt es immer wieder“, verfälschte Anita höhnisch einen alten Schlager. Auf der Pferdekoppel in der Nähe vom Bodensee stichelten sich diese jungen Damen auf. Aber nicht alle duldeten diese Redereien über Irene.

„Vorsicht – bissiger Hund!“, rief Tanja zu Tammy.

„Warum verurteilst du eigentlich dieses Mädchen, bevor du es gesehen hast?“, hakte Meike nach.

„Hurra, es lebe das Vorurteil!“, ergänzte Sibylle mutig, indem sie kopfschüttelnd vor Entrüstung errötete. Irene fuhr mit der Leiterin in dem älteren Modell eines VW-Busses in den Hof des Reitzentrums und stieg aus. Irene hinkte nicht, stotterte nicht, aber ihr rechter Arm krümmte sich an den Körper, und als sie kurz „Hallo“ rief, bogen sich ihre Mundwinkel eigenartig.

„Hab ich’s nicht gesagt?“, Tammy zeigte ihre Verachtung, obwohl sie keinen Grund dafür hatte. So gingen die Tage vorbei und Tammy merkte, dass ihre Auflehnung letztlich nicht gegen Irene ging, sondern gegen Jesus. „Ach, jetzt bin ich selbst eine Christin und bin so wuterfüllt“, sprach sie zu sich selbst – gab es aber natürlich nicht vor den Mädchen zu. „So eine Blamage kann ich mir nicht leisten, das zuzugeben!“, raste es ihr durch den Kopf. Tammy hatte einen tieferen Grund für ihre Unzufriedenheit und Verbitterung. Ihre allerbeste Freundin aus dem Ort, wo sie herkam, hatte sie monatelang belogen und betrogen. Und diese sogenannte Freundin hieß ebenfalls Irene. Und jene Irene spielte ihr ein Schauspiel vor. Heraus kam alles durch einen überraschenden Besuch bei ihr zu Hause. Alles, was jene Freundin Irene vorgaukelte, entpuppte sich als blankes Märchen. Tammy übertrug nun den ganzen Hass dieses Erlebnisses auf die Freizeit-Teilnehmerin Irene. Doch Gott plante eine Herzensveränderung.

„Schau doch, Tammy geht der Gaul durch!“, schrie eine Teilnehmerin aufgeregt auf der Koppel, als sie sah, wie Tammy die Kontrolle über das Pferd verlor. Alle sahen angespannt und wie gelähmt dem davoneilenden Pferd hinterher. Was nun? Umständlich, aber beherzt erstieg Irene die Bügel und man meinte, der Westernheld John Wayne selbst wehte über die Prärie.

Nach wenigen Minuten stoppte das Haflinger-Pferd von Tammy selbst und Irene mußte nicht das Lasso „werfen“, das sie ja auch nicht hatte. Aber Irene war mutig. Tammy konnte es nicht glauben, dass es gerade Irene war, die sie vorher mit Verachtung ablehnte und strafte. Irene wusste und merkte nichts von Tammys belastendem Verhalten. Voller Dankbarkeit blickte Tammy Irene an.

„Wollen wir Freundinnen werden?“ Irene nickte und verbog wieder ihr Gesicht, weil es eben ein kränkliches Kind war. Aber in der Reitfreizeit wurde eine neue Seite der Beziehungen aufgeschlagen. Wieder standen einige Mädchen zusammen und tuschelten. Doch nichts Schlechtes war zu hören.

„Hat es der Herr Jesus doch wieder einmal blendend gut mit uns gemeint!“, meinte Sibylle.

„Also – ich kann über Jesus Christus nur staunen, wie er unser Gebet wieder erhört hat“, ergänzte Meike. „Punktlandung Gottes!“

Lächelnd stand Tammy neben Irene und freute sich ausgelassen über dieses gute „fromme Getuschel“.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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