Home   Bibelpiloten   Kurzgeschichten   Die Nörgeltante vom Odenwald

Die Nörgeltante vom Odenwald

„Bäää, ist das alles ätzend!“ Eva-Maria hockte schon tagelang in ihrem Zimmer in der Hohlgasse. Ihre beste Freundin, die Christtraude, freundete sich mit einer anderen Klassenkollegin an. War das enttäuschend! Niemand fragte nach Eva-Maria. Evchen, tue dies, Evchen, hole das, Evchen, komm trink ein Glas Milch – so ging das jeden Tag in den Herbsttagen, wenn Mutter verzweifelt sie aufmuntern wollte. Draußen fielen die letzten Blätter von den bunten Bäumen. Die Landschaft im südlichen Odenwald glänzte sonst in herrlicher Pracht, doch jetzt „vernebelte“ der Regendunst die volle Aussicht vor Eva-Marias Dachzimmer.

„Herr, so sieht’s auch bei mir im Herzen aus: alles öde!“ Plötzlich erklang Mutters Sopranstimme.

„Evchen, Frau Schneider rief an. Könntest du nicht mal bei ihr vorbeischauen? Ich habe den Eindruck, ihr fällt die Decke auf den Kopf“, bemerkte Eva-Marias Mutter.

„Und ich? Wer denkt an mich? Alle haben keine Zeit. Ich glaube bald, daß niemand mich mag und mit mir spielen will“, grollte die Elfjährige.

„Ach, jetzt raffe dich auf und gehe zu ihr. Du weißt doch auch um das behinderte Mädchen, das sie hat … und … nimm ihr doch einige Stücke vom frischen Apfelkuchen mit, ja?“ Mit einer Portion Überredungskunst lockte sie Eva-Maria zur Nachbarin.

„Jetzt bete ich halt mal wie die ‘alten Brüder’ in der Bibelstunde: Herr, laß mich für andere ein Segen sein!“ Dabei kicherte sie ein wenig ungläubig über ihr Gesagtes. Hat der Herr Jesus das gehört? Und wenn er es ernst nimmt? Sofort kam ihr doch der Gedanke hoch. Vor dem Hausgang in der Glockengasse schüttelte Eva-Maria ihren Schirm aus.

„Ja, Eva-Maria, du kommst uns besuchen? Da wird sich aber Janette freuen.“ Unsicher tapste Eva-Maria auf Zehenspitzen in die warme Stube. Jannette bemerkte, daß das Nachbarkind hereinkam und schaute vom Zimmerboden hoch. Jannette konnte von Geburt an nicht laufen, nur die Hände bewegen und schlecht sprechen. Und sie war ebenfalls elf Jahre.

„Ebba-Maria!“ Ein Strahlen durchflutete das Zimmerchen, als sie Eva-Maria sah und ihren Namen holprig und schwer aussprach. Eva-Maria schaute in die Augen des Mädchens. Ein Glanz der Dankbarkeit sprach aus dem hübschen Gesicht. Der Händedruck des behinderten Kindes ließ Eva-Maria erkennen, daß das für Jannette ein Festtag war. Jemand besuchte dieses Kind. Eine Seltenheit!

„Ach, Eva-Maria, mein einsames Mädchen ist so glücklich, daß du kommst!“ Die Rührung war perfekt – aber echt! „Sie braucht kein Mitleid, nur … nur daß man ein klein wenig Zeit mitbringt für sie“, meinte Frau Schneider. Eva-Maria blickte konzentriert in Jannettes Gesicht. Diese Ausstrahlung! Diese Liebe! Diese Freude! Und sie selbst war die Nörgeltante vom Odenwald! Jesus begann Eva-Marias scheinbar altmodisches Gebet prompt zu erhören. So gut es ging, spielten sie miteinander, stellten sich Rätsel und erzählten sich kurze Geschichten.

„Eva-Maria, es ist schon kurz vor 18 Uhr. Du mußt jetzt gleich nach Hause“, erinnerte Frau Schneider.

„Waaas schon?“ Die Zeit eilte vorbei wie im Flug. „Wieso ist Jannette so glücklich, glücklicher als ich?“ fragte Eva-Maria.

„Ja, kann man sich das nicht denken? Für dich und mich ist laufen, hüpfen, springen, rennen und Purzelbäume schlagen selbstverständlich – und … sie kann das alles nicht. Aber jemand, der sie besucht und Zeit für sie hat in ihrer Einsamkeit – das ist einfach wie ein Fest für sie! Das Schönste ist jedoch, wenn ich ihr aus der Bibel vorlese. Für sie ist keine Geschichte langweilig!“

Eva-Maria als Nörgeltante vergaß ihre Einsamkeit. „Ich glaube, ich habe eine neue Freundin gewonnen!“ sagte sie zu ihrer wartenden Mutter.

„Die hat dir Jesus geschenkt!“ betonte die Mutter. Eva-Maria nickte. Auch auf ihrem Gesicht lag ein mit Dank erfüllter Glanz. Man merkte es ihr an.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

Zurück zur Übersicht