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Die Knallfroschlüge

„Meinst du, wir kriegen die Knaller?“ Jens und Holger waren halbe Weltmeister im Zusammenbasteln von Knallfröschen. Sie hatten ja auch ein großes Waldgebiet als ihr Revier zu verteidigen. Die anderen, die „Hummel-Bande“, genannt nach ihrem Anführer Harry Hummel, kontrollierten das Feld- und Wiesenrevier und waren erbitterte Gegner der „J & H-Großbande“, wie sich Jens und Holger als Zweiergespann nannten. Das Hügelgebiet im Lippischen Bergland bei Kirchheide wurde natürlich hart verteidigt. Und Waffen benötigte man unbedingt dazu. Jens und Holger hatten sich darauf spezialisiert, mit Silvesterraketen, „Schweizer Krachern“, Knallfröschen und Knallerbsen den Feind zu erschrecken und zu überraschen. Die Ideen gingen auch nicht aus, denn die Wucht der Bömbchen sollte recht ordentlich erschrecken.

Der Vorrat der lautstarken Knaller ging so Mitte Oktober allerdings zur Neige. Was tun?

„Ob die in der Eisenwarenhandlung wohl die Knallbonbons herausrücken?“ stammelte Jens.

„Klar doch“, entgegnete Holger. „Die merken doch gar nicht, daß wir erst 13 sind.“

„Aber die Firmen liefern doch noch gar nicht, sondern erst nach Weihnachten“, meinte Jens.

„Ja, aber der Eisen-Kleinmann hat immer noch was vom Vorjahr“, betonte Holger starr.

„Au Backe, wenn das nicht ins Auge geht“, bedachte sein Freund ängstlich.

„Alter Zitterhannes! Die J & H-Bande bekommt alles und überall!“ schrie Holger überheblich.

Da standen sie dann in der Sachsenstraße. In der Jungschar hatten die beiden noch letzte Woche gehört, was man mit Lügen und dummen Sprüchen alles anstellen kann.

„Schönen Mittag“, grüßten Jens und Holger Herrn Kleinmann, nachdem sie hinter sich die Klingeltür der Eisenwarenhandlung schnappen ließen.

„Na, was wollt ihr denn? Ein paar Schrauben oder eine Modelleisenbahn gefällig?“

„Nö, wir wollten … ähh, wir dachten … ühem … wir“ stotterte Jens unsicher in die Luft.

„Herr Kleinmann, wir brauchen Knallfrösche und chinesische Knaller!“ Energisch trat Holger auf.

„So, so, und für was denn?“ fragte Herr Kleinmann.

„Für Silvester!“ rief Holger frech.

„Aber ihr seid drei Monate zu früh dran.“

„Ach, wir brauchen es halt!“ sagte Holger.

„Und ihr seid schon 18 Jahre alt?“

„Nei …“, wollte gerade Jens ansetzen.

„Halt den Schnabel, du Pfeife“, zischte Holger zu Jens. „Natürlich, wir sind beide 19 Jahre alt!“ Herr Kleinmann verzog das Gesicht.

Plötzlich trat Herr Kober, ihr Klassenlehrer in das Geschäft. Mit allem anderen hatten die beiden gerechnet.

„Na, was macht ihr denn Schönes hier“, fragte Herr Kober.

„Wir, wir …“

Herr Kleinmann kam der Rede von Holger zuvor. „Sie wollten Knaller kaufen und sagten, daß sie 19 Jahre alt wären.“ Herr Kober blickte ernst zu Jens und Holger hin.

„Warum sagen das zwei 13jährige?“ Herr Kleinmann schaute finster drein.

„Betrügen wolltet ihr mich, oder?“ Jens und Holger standen kreidebleich vor Herrn Kleinmann und Herrn Kober, als im selben Augenblick Norbert Weinmann, der Jungscharleiter der beiden, eintrat.

„So eine Peinlichkeit“, flüsterte Holger zu Jens. „Ja, das haben wir davon und jetzt gibt’s einen Knall.“

Norbert Weinmann erkannte recht schnell die Situation und sprach besänftigend auf die erzürnten und enttäuschten Männer ein.

„Ich will den Jungens eine Lektion erteilen“, sagte der Jungscharleiter. Er nahm Jens und Holger zur Seite und schaute sie funkelnd an. „Ich war vor 10 Jahren der Oberlügner meiner Klasse. Und aus Spaß und Übermut erzählte ich als Ausrede meinem Lehrer als Grund für meine Trödelei auf dem Schulweg und das Zuspätkommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht gehe. Und dann kam es. Kurze Zeit danach erhielt die Schule einen Anruf. ‘Norbert, deine Mutter ist mit Blaulicht ins Krankenhaus gekommen – das Herz!’ Mit einem Schrei fuhr ich hoch. ‘Das wollte ich nicht, das wollte ich nicht – ich habe doch nur gelogen!’ schrie ich. Aber jetzt konnte ich es nicht verhindern. Meine Mutter kam nochmals davon, als sie im Krankenhaus mit einem Herzinfarkt eingeliefert wurde. Aber diese Lektion saß bei mir.“

Norbert Weinmann beendete seine kurze Lebenserinnerung. Jens und Holger standen in der Ecke. Ganz still. Herr Kober und Herr Kleinmann ebenfalls und wunderten sich. Jens und Holger waren entsetzt.

„Au, das war eine Lektion!“ meinte Holger.

„Für mich war es mehr. Bei mir gab’s einen ‘Knaller’ im Herzen. Und dieser hat gezündet!“ deutete Jens mit dem Finger auf sein Herz zeigend.

Die Herren verloren kein Wort mehr. Herr Kleinmann ging wieder hinter den Ladentisch und Herr Kober kaufte sein Ersatzteil. Norbert Weinmann fragte die Jungens: „Sehen wir uns in der Jungschar am Dienstag?“

„Ist das ‘ne Frage!“ sagte Holger.

„Und bitte eine knallige Bibelandacht“, ergänzte Jens.

„Hoffentlich knallt’s bei dir dann auch, Holger“, grinste Norbert. Holger verstand seinen Jungscharleiter noch nie so gut wie in diesem Moment.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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