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Die geheimnisvolle Gestalt

„Bei dem Sauwetter geht doch niemand nach draußen!“ Eberhard schimpfte laut vor sich hin, während er zwischen Schuppen und Haupthaus pendelte. Es war tiefer Winter geworden. Die dicken Schneeflocken waren für den Jungen kein Zauber der Schöpfung mehr. Immer wartete harte Arbeit auf ihn und die Bauersfamilie, wenn der Herbst sich verabschiedete. Der Hof stand in der Nähe von Ebingen auf der Schwäbischen Alb. Immer mußte noch einiges im Wald gearbeitet werden, obwohl das nie die günstigste Jahreszeit war. Klirrende Kälte bedeckte das reizvolle Land. Eberhard freute sich schon, wenn er im alten Jägerhaus, das der Familie gehörte, nach Herzenslust spielen konnte.

Ab und zu lud er seine Freunde ein, am Wochenende dort zu übernachten. Das knisternde Feuer, die nach Petroleum stinkenden Funzeln, die knarrenden Balken und das Rascheln des Strohs waren ein kleines Abenteuer für die Jungen. So recht urig wurde es dann, wenn sich Geräusche vom Wald her bemerkbar machten oder Äste unter der Last des Schnees brachen. Gespensterhaft standen dann die Laubbäume starr in der schnell hereinbrechenden Nacht da. Die jungen Burschen waren das wilde und harte Leben in der winterlichen Landschaft der Alb gewohnt. Am Freitagnachmittag ging dann der einstündige Fußmarsch zum Jägerhaus los.

„Mensch, nimmt denn die Stapferei durch den Schnee kein Ende?“ murmelte Kai-Uwe.

„Ach, wir haben’s doch bald geschafft“, ermutigte Eberhard die mitziehenden Waldwanderer. An einer Waldlichtung hatten es die Jungen nicht leicht. Sperrige Unebenheiten und schmale Pfade behinderten einen flotten Fußmarsch.

„Immer diese blöden Bäume, die man so schlecht sieht“, plapperte Markus vor sich hin. Plötzlich tauchte vor ihnen im schwachen Schein der Taschenlampe ein Wegweiser auf. Wieso ein Wegweiser? Eberhard überlegte. Hier stand doch noch nie ein Wegweiser! Haben wir uns verlaufen?

„Das kann doch nicht sein, ich kenne mich blind aus“, sagte Eberhard verwundert zu den Freunden.

„Aber das ist wirklich ein Schild – mal sehen, was drauf steht“, sagt Kai-Uwe. „Gammertingen, 35 km.“

„Wiiee? Wieso das denn? Das kann nicht sein!“

„Weiter geht’s ohne Schrecken!“

„Aber Eberhard, und wenn’s tatsächlich da lang geht?“

„Quatsch mit Puddingssoße! Ich kenne mich hier doch aus wie in Mutters Manteltasche!“ Überzeugt und unerschrocken kämpften sie sich weiter durch den knirschenden Schnee. „Ich werde recht behalten, denn es sind nur noch fünf Minuten, dann sind wir dort“, sagte Eberhard. Doch aus den fünf Minuten wurde eine halbe Stunde. Eberhard sah um sich, und er erkannte keinen seiner sonst üblichen Anhaltspunkte. „Nun laßt mich überlegen …“ formulierte Eberhard zaghaft.

„Hast du aufrichtig überlegt, daß wir falsch gelaufen sind?“ meinte Markus. Und tatsächlich: Sie saßen in der Falle. Einige Orientierungspunkte hatten sie übersehen. Der Wald wurde immer unbekannter, und alle drei hatten keinen Mut, ihre Unsicherheit zuzugeben.

„Denn er hat seinen Engeln einen Befehl gegeben, daß sie uns behüten“, sagte Kai-Uwe leise.

„Immer deine flotten Sprüche aus der Bibel!“ bemerkte Eberhard ärgerlich. „Diese Worte sind schöne Sprüche für Omas Wohnstube, aber nicht gültig für harte Kerle, wie wir es sind“, setzte er nach.

„Also, so überheblich muß’te ja auch nicht sein“, sagte Markus vorwurfsvoll zu Eberhard. Das Schneegestöber setzte nun intensiver ein.

„Vor lauter Wald sehen wir bald keine Bäume mehr“, raunte Eberhard. „Ich glaube, ich weiß jetzt auch nicht mehr, wo’s lang geht.“ Die jungen Leute waren unter ihrem dicken Anorak verschwitzt, im Gesicht jedoch froren sie bitterlich.

„Darf ich um Gottes Hilfe beten?“ fragte Kai-Uwe.

„Wenn dir sonst nichts Besseres einfällt – uns hört sowieso keiner!“ rief Eberhard lauthals in den Wald hinein.

„Kommt jetzt die übliche Gott-hilft-in-der-Not-Story?“ fragte Markus.

Doch Kai-Uwe hatte bereits begonnen, Jesus Christus anzurufen: „Herr, du weißt, die lachen jetzt über mich – aber schick doch Hilfe!“ Stunden vergingen.

„Guck und schau – wie der Herrgott hilft“, spottete Eberhard. Doch da tauchte plötzlich im Schwarzgrau der Nacht eine Gestalt auf.

„Hallo, ist hier jemand?“ Förster Keller stand vor ihnen. „Irgendwie hat mich’s bei der Nacht hinausgetrieben. Ich wußte auch nicht, wieso es mich so drängte. Doch jetzt ist mir’s klar, wo ich euch sehe.“ Kai-Uwe schaute die beiden Jungen an.

„Du brauchst gar nichts zu sagen, wir wissen schon, was du sagen willst, aber wahrscheinlich war’s Zufall“, stotterte Eberhard eilig hervor.

„Zufall? Daß ich nicht lache! Wer geht bei dem Wetter schon freiwillig raus?“ sagte Förster Keller energisch.

„Jetzt behaupten Sie nur noch, Gott hätte Ihnen das klargemacht!“

„Wieso nicht Gott?“ bemerkte Kai-Uwe.

„Genau – wieso denn nicht er“, sagte der Förster und trieb die Jungen hinter sich her.

Kai-Uwe wußte, wer ihnen wirklich half. Kein unbekanntes Wesen. Für ihn war’s ganz sicher Jesus, der Hilfe sandte. Er hatte seinen Boten, den Engeln, ja seinen Befehl gegeben. Und Befehl ist Befehl!

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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