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Die Blutvergiftung

„Die Rutscherei macht einen großen Spaß!“ Jennifer Edelstamm aus dem Raum Heidelberg unternahm mit ihren Gästen vom Kindergeburtstag einen herrlichen Ausflug in die nähere Umgebung. Ein Wetter wie im Bilderbuch: Sonne, blauer Himmel. Die ersten Krokusse zeigten sich im Nass des Tauwetters. Und am Abenteuerspielplatz waren einige Spielgeräte gerade erst abgetrocknet.

„Jetzt zeige ich euch den „Ultra-Super-Rutsch“, sagte Nadine Schahr. Mit rasanter Geschwindigkeit gleitete sie den Holzstamm herunter. Doch sie hatte die Höhe nicht ganz im Griff. Dabei wurde sie während der Hosen-Rutsch-Partie in Sekundenschnelle unsicher und ein kurzes „Autsch!“ signalisierte allen, dass es zu schnell ging. Nadine hatte sich am rechten Bein verletzt. Die Aufschürfung an der Wade schmerzte.

„Halb so schlimm – das bringt mich nicht um“, scherzte sie und vergaß bald im Spieltreiben des Geburtstags ihre Wunde. Nach zwei Tagen wachte sie nachts auf. Im Halbschlaf schlich sie ins Bad, nahm einen Stuhl und stellte sich vor den Spiegel. Käsebleich und wie ein Häufchen Elend stand sie klapprig davor. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Ein Schmerz ging vom Bein aus. Vorsichtig rollte sie den Schlafanzug hoch und begutachtete die entzündete Stelle.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, röchelte sie. Ganz dunkel, eitrig und tief sah die verletzte Schürfung aus. „Ich will aber nicht zum Arzt, da bringen mich keine zehn Pferde hin“, dachte sie. Mutti sollte nichts merken. Sie kniff die Zähne zusammen und am nächsten Morgen zog sie die dicksten Wollsocken an, die es gab.

„Nadine, hast du was? Du siehst so elend aus“, fragte die Mutter. Nadine lebte mit Jesus. Aber sie hatte als sonst so fröhliches Mädchen schreckliche Ängste. „Du bist ein ängstlicher Typ“, sagten manche. „Du bist zu wehleidig“, sagte selbst ihr großartiger Vater, der sie nicht immer in ihren Sorgen verstand.

„Und jetzt werde ich es allen zeigen, dass ich das durchhalte!“, brummte sie, vor ihrem Müsli sitzend.

„Wirf deine Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen“, hatte die Jungscharleiterin gesagt. Also wird der Herr mich versorgen! Doch es verschlimmerte sich. Am Nachmittag war ihr Bein so geschwollen, dass sie nach Hause hinkte.

„Was ist mit dir los, Nadine? Bist du krank? Ist dir schlecht?“, fragte Jennifer, ihre Schulfreundin.

„Nneeiin, a…a…alles klar“, antwortete sie. Doch Nadine gings wirklich übel.

„Ich gehe jetzt mit dir sofort zu Dr. Klupper!“, meinte Jennifer energisch.

„Komm…kommt gar nicht in Frage – Jesus hilft mir!“, sagte Nadine.

„Aber du sollst den Herrn auch nicht täuschen, noch versuchen, noch ausprobieren – gehorche mir … wozu hat Gott denn gute Ärzte befähigt?“, widersprach Jennifer.

„Aber meine Eltern sagen, dass die Leute früher auch nicht alle möglichen Pillen geschluckt haben … sondern Gott vertraut haben“, entgegnete Nadine.

„Ja früher – Gott kann wohl alles – aber wir müssen auch verantwortungsvoll handeln und du … du … musst nichts beweisen, hast du gehört?“ Jennifer schnappte kurzerhand Nadine am Ärmel und zerrte sie zu Dr. Klupper in die Landhausstraße. Alles ging schnell. Nadine hatte eine hochkarätige Blutvergiftung! Dr. Klupper behandelte sie auf Hochtouren.

„Noch wenige Tage, ja vielleicht nur Stunden – und wir wären zu spät gekommen“, meinte er sorgenvoll. „Warum haben Sie das Kind nicht früher zu mir geschickt …?“ Diesmal saßen die Eltern kreidebleich in der Praxis.

„Wir wussten, wir haben nicht …“ Frau Schahr weinte. Die Eltern erkannten, dass sie Bibelsprüche und Erfahrungen des Glaubens zu oberflächlich und selbstherrlich in der Familie ausgesprochen hatten und damit Nadine in die Enge und zu dieser Reaktion getrieben hatten.

„Verzeihst du uns, Nadine, dass wir so eng an der falschen Stelle waren?“, fragte der Vater. Nadine lächelte. Sollte sie etwa ihren geliebten Eltern nicht verzeihen? Über das Geschehen dachte die ganze Familie jedoch noch lange nach. Bald war Nadine wieder gesund und konnte an der Reckstange ihre Kunststücke im Sport unter Beweis stellen. Ihr Glaube an Jesus feierte einen neuen Anfang, er bekam ein neues Format der Liebe.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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