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Der Junge aus dem Mittelalter

„Morgen bekommen wir Zuwachs!“ Herr Lautenschlager lachte herzerfrischend, während er die Ankunft eines neuen Schülers in Fellbach bei Stuttgart ankündigte.

„Wow, das ist ja optimal, daß endlich mal in unsere düstere Klasse ‘ne Abwechslung hineinkommt“, bemerkten einige Mädchen.

„Und … nehmt ihn freundlich auf, den Gerald, daß er sich bei uns nicht ausgestoßen fühlt.“

„Ausgestoßen? So eine komische Ankündigung“, sagte Birgit. Birgit Bleier schwärmte so ziemlich für alle Jungen, während ihre Nachbarin, die Lisa Langemann, immer schüchtern und zurückhaltend war.

„Vielleicht sieht er aus wie der Filmstar Arnold Hintergucker? Oder wie Mike Baxten? Oder wie …“

„Dick und Doof?“ schob Jürgen Erhardt in den Redeschwall von Birgit dazwischen. Totalgrinserei in der dritten Bank.

„Doofe Spielverderber!“ Beleidigt schaute Birgit wieder stur nach vorne. Tatsächlich waren alle sehr auf diesen Jungen gespannt.

„Ich will euch noch was sagen“, ergänzte der Lehrer, „Gerald Steiner ist tatsächlich etwas anders – nehmt ihn aufmerksam an.“ Rätselraten. Lisa Langemann war wohl die Freundin von Birgit, aber der gewisse Unterschied bestand darin, daß sie Christin war und Birgit nicht. Lisa war nicht eigenartig daneben, sie war auch kein Außenseiter der Klasse, wurde von den anderen akzeptiert, aber sie schoß nicht so schnell übers Ziel hinaus. Ihre Begeisterung war ebenso hell und humorvoll, jedoch an entscheidenden Stellen einiges besonnener.

„Jetzt beruhige dich doch, Birgit!“ Lisa und Birgit kurvten nachmittags mit vollem Zacken auf einer Eislaufbahn.

„Du bist ‘ne Nervensäge, Lisa. Du verdirbst einem alles!“ kritisierte Birgit.

„Ach, Birgit, das ist aber ungerecht, wie du mich beurteilst. Du weißt ganz genau, daß ich nicht gegen alles bin – aber laß mich doch, ich bin halt nicht so wie du!“ entgegnete Lisa mit traurigem Blick. Der Nachmittag endete nicht böse, aber mit einer beklemmenden Stimmung. Der nächste Tag folgte.

„Ich hab’ heut nacht kaum schlafen können vor Aufregung!“ schwärmte Birgit. Lisa lächelte ihr zu. Lisa hatte Birgit jede komische Stimmung und alle Worte vergeben, denn als Christ konnte sie ja nicht auf die Dauer beleidigt sein. „Martin Luther sagte mal: ‘Beleidigt sein ist menschlich, sich aber nicht versöhnen lassen ist teuflisch …’, merkte Lisa predigend dazu an.

„Oh, du mit deinen Sprüch … au … Herr Lautenschlager kommt jetzt … und … der Superboy!“ sagte Birgit. In die Mitte trat Gerald Steiner. Betretenes Schweigen. Totenstille. Alle musterten Gerald von oben bis unten. Gerald war behindert. Sein linker Arm hing leblos hinunter und beim Gehen zog er ebenfalls den linken Fuß nach, der zumal auch noch kürzer war. Das Gesicht war übersät mit Sommersprossen, und seine Haare waren fettig. Keiner sagte was.

Birgit verzog das Gesicht und flüsterte leise zu Lisa: „Schreck, laß nach! Der sieht ja aus wie einer aus dem Mittelalter!“ Sekundenbruchteile voller Hochspannung. Keiner wollte den Mund auftun. Alle waren geschockt. Da erhob sich Lisa Müller zaghaft von ihrem Platz. Sie zitterte vor Aufregung. Ihre Stimme klang stockend. Zweiunddreißig Augenpaare richteten sich auf Lisa.

„Hallo, Gerald! Als Klasse möchten wir dich in unserer Mitte sehr herzlich begrüßen und dir einen guten Start bei uns wünschen. Es wäre prima, wenn du dich recht schnell einlebst, und wir wollen deine guten Klassenkameraden sein.“ Wie eine Rakete bei der Landung hockte sich Lisa wieder auf ihren Stuhl. Morgens hatte Lisa in ihrer persönlichen Bibellese-Zeit für ein richtiges Verhalten gegenüber dem „Neuen“ gebetet. Und Gott hatte ihr „präzise“ geholfen. Die bedrückende Atmosphäre hielt nicht lange an. Die Stimmen wurden lauter, und die meisten Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, schüttelten Gerald die Hand oder hielten einen Begrüßungsapplaus. Birgit dagegen saß wie benommen auf ihrem Platz.

„Schaaade“, seufzte sie, „daß er nicht aussieht wie Arnold Hintergucker.“

„Aber moment mal“, widersprach ihr Lisa, „er sieht doch noch besser aus als dieser hervorragende Filmstar.“

„Was kommt denn jetzt wieder, Lisa?“ fragte Birgit.

„Er sieht doch aus, wie Gott ihn gemacht hat. Und Gott liebt alle. Die Unterschiede machen allein wir und … noch was: Im 1. Samuelbuch, Kapitel 16, Vers 7 wird etwas übers „Sehen“ geschrieben. Dort heißt es: ‘Ein Mensch sieht, was vor seinen Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an!’ und so liebt Gott dich auch dann noch, wenn du mal 140 Jahre alt bist, Silber im Haar, Gold in den Zähnen und Blei in den Füßen hast!“ fügte Lisa hinzu.

Birgit hielt sich den Bauch vor Lachen, begriff aber, was Lisa meinte – worauf es eigentlich wirklich bei Jesus Christus ankommt.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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