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Der hochrote Kopf

In der Schillerstraße in Riederich wohnte Sebastian. Sebastian bekam von seinen Eltern alles, was er sich wünschte und nicht wünschte. In sein fast zur Spielhalle umgebautes Kinderzimmer konnte man kaum eindringen, weil es total mit Spielsachen überfüllt und überladen war. Wenn er ein neues Spielzeug bekam, hatte er vielleicht den ersten halben Tag sein Vergnügen damit. Nach kurzer Zeit jedoch erreichte „Basti“ seinen „Spielzeug-Koller“: Er warf nahezu alles durcheinander und das betreffende neue Spielzeug an die Zimmerdecke. Seine Mutter und sein Vater sahen mittlerweile bei dem 11jährigen nur noch hilflos zu. Was haben sie nur falsch gemacht?

Vater arbeitete von morgens sieben bis abends um halb zehn als Chef einer Waschmittelfirma. Nur wenige Augenblicke nahm er sich Zeit für Basti. Basti erhielt eben statt Zuneigung ein neues Spielzeug. Mutter rannte schon kurz nach acht auch zur Arbeit und eilte von Termin zu Termin. Sie half dem Vater im Büro und tippte auch noch in ihrer freien Zeit am Personalcomputer.

Und Basti? Er genoß wieder den tollsten ferngelenkten Rennraser. Aber er war nicht glücklich. Er wollte kein Spielzeug mehr, sondern jemand, mit dem man richtig reden und spielen konnte – kein Spielzeug, sondern einen guten Spielkameraden.

Eines Tages tauchte Eddi auf. Eddi war als Automatenschreck bekannt, weil seine Eltern ihm einen alten, gebrauchten Spielautomaten aus dem Gasthaus „Zum grünen Baum“ geschenkt hatten. Eddi guckte eines schönen Tages über den Zaun in den Garten von Basti.

„He, Basti, kommste mal herüber zu mir? Ich will dir was zeigen und … mit dir spielen.“ Schwuppdiwupp hüpfte Basti wie ein gekonnter Hochspringer über den Zaun zu Eddi Müller. Mit Eddi verbrachte er den ganzen Nachmittag. Auch Eddi Müller lebte in Reichtum und – fast ohne Eltern, „obwohl“ er sie mindestens 10 Minuten am Stück pro Tag sah. Basti und Eddi redeten viel miteinander.

Nun aber etwas, was eigentlich selten passiert: Sie überlegten, daß es nicht richtig war, so frech und gleichgültig auf die Eltern zu reagieren, weil sie nur Spielzeug, aber keine Liebe bekamen. Die beiden unterhielten sich recht lebhaft miteinander. Auf einer Kinderfreizeit in Friolzheim hörten sie nämlich an einem Wochenende von ihrem Jungscharleiter folgenden Satz, der bei ihnen passend einschlug wie eine Bombe: „Jesus Christus will dir helfen, schwierige Augenblicke zu meistern, weil er der Meister ist!“

Das war der Punkt. Basti und Eddi überlegten: Was sollen wir jetzt tun, daß der Herr Jesus die Sache meistern kann? Da fiel Basti ein: „Du Eddi, stand nicht in der Zeitung: Kinder in Rumänien benötigen Spielzeug?“ Zwei Blicke trafen sich. Beide sprangen ans Telefon. Kurzer Anruf an die Hilfsorganisation, die den Transport organisierte. „… und bringen Sie bitte einen etwas größeren Lastwagen, vielleicht einen 40-Tonner, in die Schillerstraße …“, bemerkte augenzwinkernd Basti.

Gegen Abend klingelte es an der Haustüre. Bastis Mutter öffnete. „Ja bitte, zu wem wollen Sie?“ Fragend stand sie vor den zwei Männern der Hilfsorganisation.

„Uns hat man angerufen, ähem … ein Herr Basti … wir sollen sein Spielzeug abholen …“

„Baaastiii …!“ Schrill rief die Mutter ihren Sohn. Basti stand schon da. Inzwischen war der Vater mit der Zeitung in der Hand, die Brille ganz vorne auf der Nase vorgeschoben, herbeigeeilt.

„Basti, was soll das – warum verschenkst du dein schönes Spielzeug?“ fragte Mutter.

Spontan antwortete Basti: „Ach, weißt du, liebe Mama, die Kinder in Rumänien brauchen doch ein wenig Liebe. Und … da ich ja von euch so viel Liebe und Zeit, Hilfe und Zuneigung jeden Tag bekomme, benötige ich das Spielzeug ja sowieso nicht mehr …“

„Hol mir einen Stuhl, Margret, ich muß mich setzen“, bat der Vater.

Verstohlen und hochrot im Gesicht blickte Mutter den Basti an. „Du, Basti, ich glaube, ich habe alles kapiert…“, antwortete sie.

„Ich auch“, rief es aus dem Wohnzimmer …

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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