Home   Bibelpiloten   Kurzgeschichten   Der Griff in die Kasse

Der Griff in die Kasse

Sportunterricht in Rohrau bei Böblingen in Süddeutschland. Ulrich Mühleisen war das „Käpsele“, wie man ihn im schwäbischen Dorf auch noch scherzhaft und liebenswert „Mühli“ nannte. Ein guter Sportler. Durchtrainiert wie ein Stuntman in einem Fernsehkrimi. In Leichtathletik spurtete er in wenigen Sekunden die Sandbahn entlang und lief allen davon. Beim Hammerwerfen durchbrach er gewöhnlich die Schallmauer. Beim Stabhochsprung erzitterte die Markierungsstange, wenn er zum Sprung ansetzte. Die Preisrichter bei den Bundesjugendspielen benötigten die besten Taschenrechner, um die Höhe der Punktzahl zu ermitteln.

Alles in allem: geschätzt, beneidet und immer wieder geehrt. Uli hatte keine Feinde. Bei ihm lief alles glatt. Im christlichen Jugendkreis sprühte er nur vor tollen Ideen. Sein Lächeln: umwerfend! Seine menschliche Art: sagenhaft super! Viele Jungen, Gerald und Christian und sie alle – sahen in Uli das große Vorbild. Sollte er auch einmal versagen?

Auf einer Freizeit im Westerwald, an der Uli und der ganze Jugendkreis teilnahmen, geschah das Unglaubliche, und keiner bemerkte es am Anfang: Uli war für die Freizeitkasse zuständig. Bis zu diesem Zeitpunkt war er peinlichst genau.

Doch in einer ruhigen Stunde, wo er allein zu Hause blieb und die anderen der Gruppe einen Fahrradausflug machten, schweifte sein Blick in dem gemütlichen Haus zur graugrünen Kasse, die auf dem Eckbürotisch stand. Auf einmal kamen ihm schreckliche Gedanken. In ihm begann es zu kämpfen: „Nicht berühren!“ sagte eine innere Stimme. Uli war ja Christ, aber … man könnte doch … das fällt doch niemand auf … Seine Hand griff hastig zur Kasse.

Normalerweise war das nicht schlimm, denn als guter Verwalter besaß er den Schlüssel. Nun aber waren die Motive dunkel und gefährlich. Wacklige Knie hatte dieser sportliche Typ! In der Geldkassette waren 850 DM! Er hob das Geld vor sich ans Fenster, damit er die Scheine besser betrachten konnte. Wegstecken? Verbergen? In diesem Augenblick – er ahnte es niemals – kam eine Mitarbeiterin herein, die etwas für ihre Tour im Haus vergessen hatte. Ruth stutzte, als sie ihn mit glasigen Augen tieferschrocken zusammenzucken sah.

„Ruth, nein, nein, ich war völlig daneben … Ich wollte nicht!“ Uli brach in Tränen aus – umhüllt vom Schleier des totalen Überraschtwerdens. Niemals hätte man ihm diese Ungeschicklichkeit zugemutet! Uli doch nicht! Niemals er! Proteste hätte es gegeben – doch … es war geschehen!

Ruth reagierte einwandfrei und ohne Hektik. „Komm, Uli, leg das Geld zurück, und dann beten wir zusammen, okay?“

Von Ruth hatte er es nicht erwartet, da sie ihn nicht so anhimmelte wie die anderen.

„Weißt du, Ruth, daß du eine besondere Gabe hast?“

„So – welche denn?“ fragte sie.

„Du hast genau richtig und mit klarem Kopf reagiert und nicht panikartig die scheußliche Lage ausgenutzt – danke, Ruth!“

Nach einem längeren, aber hilfreichen Gespräch mit Gott wurde Uli seine Schuld vergeben. Ruth half ihm durch Worte der Bibel.

Uli Mühleisen blieb „Finanzchef“ der Gruppe. Er blieb auch weiterhin das Vorbild und ein geschickter Sportler. Keiner wußte um sein Versagen – bis auf Ruth. Aber sie schwieg. Nein: Sie sagte ihm schon, wie Gott darüber dachte – half ihm aber auch, daß er Mut fand, es bei Jesus zu bekennen und nicht zu verschweigen. Aber sie „verpetzte“ ihn nicht bei den anderen jungen Leuten, um daraus eine „Sensation“ und sich selbst wichtig zu machen. Das war ihre besondere Geschicklichkeit, mit der Gott sie begabte.

So gibt es unterschiedliche Begabungen, die Gott verleiht – z. B. einem Menschen weiterzuhelfen und ihn aufzurichten, wenn er versagt hat. Das ist vielleicht nicht so sensationell, wie Superstar vor anderen zu sein. Aber was vor Gott zählt, das ist entscheidend.

Stille Helden sind solche Leute!

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

Zurück zur Übersicht