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Der dicke Kuss

„Ach, das hat doch noch bis morgen Zeit!“ Carolin Rosenbauer saß mit ihrer Freundin Kiki in ihrem „Paradies“, wie sie ihr Kinderzimmer nannte. Stundenlang schauten und blätterten sie verschiedene Jugendzeitschriften durch, die sie von einem Bekannten der Familie von Kiki, die eigentlich Kathi Berger hieß, zu einem supergünstigen Preis erhielten. An diesem Novembertag blickte Frau Rosenbauer nachdenklich ins Zimmer.

„Hör mal, Carolin, geh’ doch nachher bei Oma Hanne vorbei. Du weißt, ihr geht’s nicht gut. Bitte, nimm dir doch heute ein paar Minütchen für sie – sie freut sich so, ja?“

„Aber Mutti, wir sind doch jetzt mitten drin, aber – bald, gleich, wenn wir fertig sind, dann gehe ich hin, in Ordnung?“

„Na gut, aber vergiß es nicht!“ sagte Frau Rosenbauer. Die Stunden eilten dahin. Plötzlich schreckte Carolin hoch.

„Kathi, jetzt muß ich aber Dampf machen und gehen.“ Carolin schob das halbe Pfund Kaffee in die Tasche, das sie Oma Hanne von Mutter mitbringen sollte. Hektisch hüpfte sie die Treppen des vierstöckigen Hauses in der Hollandstraße hinunter. Vor dem Haus stand Dorit und langweilte sich.

„Carolin, willst du nicht mit mir Rollerskate fahren, ich habe noch ein Paar!“ fragte Dorit erwartend.

„Ich sollte aber zur Oma, der geht es nicht gut, und die ist oft so allein und einsam – ich sollte …“

„Ach, das kannst du noch später“, fuhr Dorit dazwischen. „Nur ein halbes Stündchen!“

Und aus der halben Stunde wurden volle 120 Minuten. Entsetzt schaute Carolin auf die Uhr. Das gemeinsame Wettfahren trotz des naßkalten Tags lenkte sie von ihrem Auftrag ab.

„Du liebes bißchen, es ist schon 18.20 Uhr, da kann ich nicht mehr hingehen“, entschloß sich Carolin und kam kurz vor sieben wieder heim.

„Na, wie geht’s Oma?“ fragte Frau Rosenbauer. Carolin entschied sich für eine Lüge.

„Ach, wie’s halt so geht, gut eigentlich!“ sprach sie mit zittrigem Unterton. Ganz bestimmt wollte sie das morgen nachmittag gutmachen und zu ihr gehen, hundertprozentig! Carolin vergaß, daß sie aber an diesem Freitagnachmittag bis 16.30 Uhr Schule hatte. So nahm sie sich wierderum ganz fest vor, anschließend zur Oma zu rennen. Aber Carolin ließ sich erneut ablenken.

„Du liebe Zeit, du mußt nachher kommen und dabeisein, wenn wir die Wasserschlacht im Hallenbad machen, Carolin! Du darfst nicht fehlen. Keine Widerrede!“ sagte lächelnd Rita, ihre andere Klassenfreundin.

„Ist doch klar wie ‘ne Pfütze, ich gehe mit!“ Aber in ihrem Herzen sah es mordsdunkel aus.

„Oma, ich komme, aber ich kann die doch nicht enttäuschen“, dachte sie vor sich hin. „Sie wird’s schon verstehen!“ Oh, diese Lüge! Diese dumme Lüge! Und eine Ausrede war auch eine Form der Lüge! Abends kam Carolin heim und beim Herumkramen in der Tasche fand sie das halbe Pfund Kaffee. Gerade flitzte Mutter im Hausgang um die Ecke mit dem Bügeleisen in der Hand und stand schon im Zimmer, als Carolin den Kaffee in der Hand betrachtete. Mutters Gesicht wurde ernst.

„Carolin, hast du vergessen, bei Oma Hanne vorbeizugehen?“

„Ja, ja – nein, nein, Mami, ich habe mich ablenken lassen und davor gedrückt. Es tut mir so leid und … die Wahrheit sagte ich dir auch nicht …“ Schluchzend rannte Carolin in die Arme von Mutter.

„Pack deine Sachen, Carolin!“ Carolin erschrak tödlich.

„Wirfst du mich jetzt heraus, bist du mir ewig böse?“

„Wie redest du, Schatz? Stell dich nicht so an, pack deine Sachen, in fünf Minuten fahren wir zu Oma, und dann holen wir den verpatzten Besuch nach.“ Beide zogen eine warme Jacke an – da schrillte das Telefon. Frau Rosenbauer ging dran.

„Das darf nicht wahr sein … oh weh … wie übel … ich … ganz klar … gut … ich komme!“ Langsam legte sie den Hörer auf.

„Was ist – ist was mit Oma?“ Carolin schrie entsetzlich und schloß sich in ihr Zimmer ein. „Ich bin schuld an Omas Tod, ich, allein ich. Sie brüllte vor Trauer. Dann klopfte es heftig an der Tür.

„Kind, mach bitte auf!“ Frau Rosenbauer klopfte sehr hart an die verglaste Tür, so daß sie fast einsprang. Mit verheultem Gesicht stand sie nun da.

„Mami, ich bin schuld an Omas Tod“, stammelte sie mit tränenerstickter Stimme. Frau Rosenbauer schaute fragend.

„Wieso Oma? Oma tot? Wieso denn das? Das ist eine Verwechslung, Kind. Der Anruf vor fünf Minuten kam von Frau Einbeck – und nicht wegen Oma. Ihr Mann ist beim Tapezieren von der Leiter gefallen und hat sich mehrere Rippen gebrochen“, bemerkte Frau Rosenbauer erstaunt.

„Waaas? Oma lebt? Nichts mit Oma? Ich kann’s nicht glauben, Mama, sag’s nochmal: Oma ist nicht tot?“ fragte Carolin total aus dem Häuschen.

„Nein! Aber jetzt dalli, du Langweilerin, zieh deine Schuhe an, wir fahren zu Oma – ich gehe nachher noch zu Frau Einbeck und helfe ihr ein wenig aufräumen.“

„Moment noch Mama“, sagte Carolin schniefend. Sie warf sich aufs Bett und dankte Jesus für so eine harte Erinnerung. Sie betete: „Hilf mir, Herr Jesus, daß ich erkenne, alles das zu tun, was zuerst dran ist und du willst und … danke, daß Oma noch lebt, Herr!“

Wenige Minuten später fuhren sie mit dem Auto los. Oma Hanne freute sich riesig über den lieben Besuch und den Kaffee.

„So einen dicken Kuß habe ich ja noch nie von dir bekommen, Carolinchen“, sagte Oma Hanne hoch erfreut. „Hat das einen bestimmten Grund?“

Und ob das einen Grund hatte! Und das wußten Carolin und ihre Mutter und … nun auch ihr, liebe Leserinnen und Leser …, stimmt’s?

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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