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Das Kamel hatte Mundgeruch

„Beeeeiluuung!“ Herr Freytag war mit seinen 58 Jahren wahrscheinlich der größte Tierfreund der Schwäbischen Alb. Der oberlustige und vergnügte Lehrer aus dem Kreis Rottweil liebte alle Tiere – vom Regenwurm bis zum Rhinozeros. Fast ein wenig kindisch hetzte er von Strauch zu Strauch, um irgendeine Insektenart beim Mittagsschlaf zu stören. Der Basler Zoo wurde von ihm mindestens fünfmal im Jahr unsicher gemacht. Die Fische im Aquarium kannten ihn schon lange persönlich mit Namen, wenn er im Ebinger Alb-Aquarium den schmalen Gang entlanghuschte, um die seltensten Wassergeschöpfe zu studieren. Sein Herz schlug höher, durfte und konnte er im jährlichen Urlaub die Murmeltiere von Oberlech direkt aus der Sesselbahn beobachten.

Die Begeisterung ging bei dem allseits beliebten Lehrer jedoch manchmal zu weit – auch bei diesem Ausflug in ein Naturkundemuseum. Eines Tages schlug dieser Eifer sogar ins Fanatische um. Ruben Wald, sein bester und liebster Schüler aus Dotternhausen bei Balingen, schüttelte mittlerweile täglich nur noch den Kopf, während Lehrer Freytag „zufällig“ im Matheunterricht wieder auf das Thema seiner geliebten Waldameisen und deren Verdauungsrhythmus zu sprechen kam.

„Hascht du eine Wackelkrankheit?“, fragte der Lehrer auf Halbschwäbisch Ruben Wald, als dieser seinen Kopf hin und her schob.

Debora Schuler mischte sich ein. „Nein, Herr Freytag, aber was hat denn Mathematik mit der Darmkrankheit einer Waldameise zu tun?“, bemerkte sie kichernd.

„Unerhört! Unglaublich – dieses vorlaute Geschwätz“, bemerkte der Lehrer im Gesicht vor Aufregung zuckend. „Außer Tierquälerei kennt ihr wohl nichts, oder?“, schob der Mann beleidigt hinterher.

Ruben und Debora besuchten immer freitags um 16 Uhr ihre Jungschar in Balingen. Ihr Leben gehörte Jesus Christus und sie wussten genau, dass der Herr alle Geschöpfe aus Liebe geschaffen hat. In einer Bibelerklärung zur Schöpfungsgeschichte wurde ihnen während einer Jungscharstunde klar, dass es keine „Tiervergötterung“ geben durfte.

„Beiß auf die Zähne und schweig das nächste Mal lieber, Debora“, bat Ruben. „Wir können ja dafür beten, dass Gott dem übersteigerten ‘Tier-Zuneigungs-Wahn’ von Herrn Freytag Einhalt gebietet.“

Die Wochen vergingen, der Sommer nahte. Schulausflug! Statt einer Wanderung oder Bergbesteigung führte die Route schnurstracks in eine Gegend im Nordschwarzwald. Dort gab es ein ungewöhnliches Schauspiel. Mitten im schwäbischen Ländle standen auf einer Ranch mindestens ein Dutzend Kamele. Nicht in Ägypten, nicht in Syrien, weder in der Wüste Afrikas noch im Süden Israels – nein, es war im Schwarzwald.

„Schaut euch diese Prachtexemplare an!“, bestaunte der Lehrer mit dem Spitzbart diese höckerichten Lebewesen. „Sie sollen von einem Scheich kommen und sogar hier gezüchtet werden“, meinte er. Die Kinder fanden es schon aufregend, dass gerade diese Tiere unvermutet in der Landschaft standen. Auf großen weißen Tafeln an den Umzäunungen standen deutlich nicht nur die Herkunft und das Alter der Tierchen in großen Buchstaben, sondern auch die Hinweise: „Bitte nicht füttern! Bitte Abstand halten! Bitte Tiere nicht streicheln!“ Doch Meister Freytag konnte es nicht lassen. Er wollte seine Tierliebe beweisen. Mutig beschrieb er alle Details eines Kamels: „Prächtige, friedliebende, zartfühlende und harmlose Tiere sind das!“, meinte er übertrieben. „Und wie gepflegt die dastehen – ausdauernd, stolz und majestätisch – kaum Durst!“ Dem Lehrer fehlten langsam die Worte. „Kommt, stellt euch nahe hinter den Zaun, und ich will euch beweisen, dass sie unsere ganze Liebe spüren und diese wiederum uns zeigen!“, bemerkte er unvorsichtig. Die Klasse wartete gespannt auf die Ereignisse, die folgen sollten.

„Herr, heile ihn von seiner Überzogenheit!“, beteten Debora und Ruben. Währenddessen kletterte der Tierliebhaber trotz Verbotsschild in das Kamel-Gehege. „Eiii, lieb, lieb, bist du aber ein schöner Kerl“, flüsterte er einem Kamel zärtlich ins Ohr. Plötzlich drehte sich dieses Tier um 180 Grad und stieß den Mann mit Wucht zu Boden. Wie bei einem Jagdhund fletschte das Tier die Zähne und beugte sich zu dem am Boden liegenden Mann. Die Klasse hielt den Atem an. Tot durch ein Kamel – würde es so morgen in der Zeitung stehen? Sollte ihr Lehrer so enden? Einige konnten das Kichern nicht verbergen.

Debora und Ruben waren jedoch entsetzt. So hätten sie ihr Gebet nicht erhört haben wollen! Herr Freytag war wie benommen. „Du, du, du Mistviech – geh weg!“, stieß er mit hastigen Worten aus. Das Tier schnaubte und aus dem Rachen kam eine Atemwolke. „Ich, ich, ich glaube, ich werde ooohnmääächtig!“

Ein Tierpfleger schnappte in dem Augenblick das Tier und bat Herr Freytag eindringlich, vorbildlich und sofort das Gehege zu verlassen. „Sind sie lebensmüde?“, fragte der Kamelbetreuer noch maulend hinterher.

„Ach, du liebes Bisschen, hatte das Kamel einen fürchterlichen Mundgeruch“, bemerkte Lehrer Freytag zitternd und verdreckt vor den Kindern. „Uii, uiih, das war aber knapp“, sagte er und klopfte den Staub von seiner Jacke. „Man darf’s halt nicht übertreiben mit den lieben Tierchen“, meinte Herr Freytag verschämt grinsend. Ruben und Debora schauten sich zustimmend an. „Guckt nicht so, Ruben und Debora, ich weiß ja, was ihr denkt und … ihr habt ja Recht“, fügte der Lehrer hinzu. Die nächste Klassenfahrt ging dann zum Bodensee.

„Sollen wir eine Hasenzucht-Ausstellung besichtigen?“, fragte Herr Freytag seine Klasse.

„Oooh, nein, er kann’s nicht lassen“, riefen sie einander zu und folgten ihm dennoch gerne, weil er ein guter, umgänglicher und sonst humorvoller Lehrer war.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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