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Das Gebiss im Bodensee

„Von diesem Gequatsche krieg’ ich Zahnweh!“ Marieluise Kupferstein saß vor dem Radioapparat und hörte einem Gespräch zu, das der Rundfunkmoderator mit einem Gast führte.

„Fünftausendvierhundertneunundfünzig-Komma-sechsmal wiederholt der sich, der Lumpenkerl!“

In der Gegend von Romanshorn am Bodensee lebte die ehrwürdige Dame mit ihren 82 Jahren. Sie wurde „Oma Blitzsauber“ genannt, da sie selbst von sich überall behauptete, man könne von ihrem Fußboden „Salat mit Schnitzel“ essen, so sauber wäre es bei ihr zu Hause. Frau Kupferstein hatte ihre Wohnung wirklich blitzsauber gehalten. Der Treppenaufgang zu ihrem Heim war reinlich und bakterienfrei geputzt und gebohnert und kein Grippevirus getraute sich, das Bad zu besiedeln. Beim Spaziergang und beim Einkaufen traf man sie, diese „Oma Reinlich“, mit einem immer frischen, chemisch-gereinigten Trachtenrock. Im Bergbauern-Edel-Stil, „Marke Geierwally“, trug sie ihre Jacke und den Hut, flott aufgesetzt, mit einer original Mäusebussardfeder versehen. Ihr älteres Gesichtchen hatte noch ein jugendliches Aussehen. Sämtliche Wässerchen und Cremchen trug sie auf ihre Falten im Gesicht auf. Eine Frischzellenkur in Oberbayern trug das Weitere hinzu. Jedes Jahr ging sie in Bio-Urlaub nach Österreich und wöchentlich schwamm sie am Bodenseeufer mindestens drei Kilometer weit. Der Zahnarzt untersuchte ihre „dritten Zähne“ regelmäßig und der Arzt stellte fest: „Sie sind gesünder, als die Polizei es erlaubt!“

Frau Kupferstein schien nahezu perfekt; keine Mäkelchen an ihrem äußeren Erscheinungsbild! Ihr Leben war bis ins Alter total durchorganisiert! Ihr Alltag schien fein durchprogrammiert! So war sie.

Aber sie war auch anders. Ihr Hitzköpflein stieg bis in hohe Temperaturgrade, wenn sie etwas aufregte. Sie konnte sich völlig hineinsteigern. Geringste Anschuldigungen bewirkten in ihr ein „tausendjähriges Beleidigtsein“. Pflanzten die Nachbarn auf der rechten Seite die Tomaten nicht in Reih und Glied- so wie bei ihr, dann waren sie „elende Schlamper und Faulpelze“. Streifte ein Fußball der Nachbarskinder aus dem westlichen Teil ihres Grundstücks ihre gepflegten Radieschen, ließ sie sofort das Überfallkommando kommen und drohte mit dem „Krieg der Spaten“. Setzte der Nachbar hinter ihrem Häuschen seine Kompostier-anlage zu nahe an ihren „Grund und Boden“, hämmerte sie aus Zorn und Wut ein Schild auf einen Pfosten und rammte ihn an die Gartengrenze, worauf stand: „Sie Mistkerl – graben sie vor Ihrer eigenen Tür Ihr Sche…loch.“ Beliebt machte sie sich dadurch bei niemandem.

Wieder einmal war Frau Kupferstein unterwegs. Mit schnellen Schritten hinterließ sie mit ihren Badeschlappen tiefe Spuren am Grundstücksrand und eilte im Badeanzug, ausgerüstet mit Badetuch und Bademütze, zum Bodenseeufer.

„Heute schaffe ich keine drei, sondern vier Kilometer beim Schwimmen“, dachte sie vor sich hin. Erhobenen Hauptes stand sie auf dem Ein-Meter-Brett und hüpfte ins kühle Nass. Der „hirnverbrannte Nachbarjunge Felix“, wie sie ihn immer bezeichnete, sah ihr bei ihrem Baderitual zu. Während sich Frau Kupferstein so übers Wasser zum Absprung beugte und sich ärgerlich über jenen Felix wegen seiner „dümmlichen Blicke“ ausließ, machte es „Blubb“ und ihr „falsches Gebiss“, das man auch „die dritten Zähne“ nennt, fiel aus ihrem Mund in den Bodensee.

„Uii, muin Gebüss, mein wunderfönes Gebüss liegt im Budensöö!“ Der ganze Oma-Körper fiel ins „Schwäbische Meer“, wie man den Bodensee auch sonst bezeichnet. „Fööölix“, schrie sie zahnlos, „Föölix, bitte hilf mir, mein Gebüss zu fuchen“, stammelte und brummelte sie hilflos mit Kullertränchen an den Wangen.

„Ja, liebe Oma Kupferstein, ohne Gebiss sieht man ganz schön alt aus“, meinte er etwas schadenfroh. Oma Kupferstein konnte ihr „Gebüss“ im leicht trüben Wasser nicht finden. Aber Felix half ihr. Mit Taucherbrille und Schnorchel tastete er die Unglücksstelle ab. Durch den „zahnlosen Mund“ konnte sie kaum irgendwelche Worte formulieren. Wie peinlich war ihr das alles! Felix war aber sehr höflich zu ihr. Und nach längerem Suchen fanden sie das Gebiss – leicht verklebt mit Bodenseealgen.

„Dankefön, Fölix“, sagte Frau Kupferstein umständlich.

„Gern geschehen“, antwortete er und verschwand wieder ins Grundstück seiner Eltern. Gewaschen, gereinigt und desinfiziert konnte Frau Kupferstein nun ihre Zähne im Mund wieder „einrasten“ lassen. War die Familie von Felix nicht eine Familie besonderer Art?

„Ich giftig – sie freundlich“, erkannte sie. Mit einer riesigen Schachtel Markenpralinen klingelte sie später an der Haustüre von Felix’ Eltern. „Ach, entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, aber ich will mich für die ‘Heldentat’ von Felix bedanken.“ Und so erzählte sie ihnen den ganzen Hergang. In einem offenen, ehrlichen Gespräch kamen alle Ungereimtheiten der letzten Jahre auf den Tisch. Frau Kupferstein zeigte sich einsichtig.

„Sie als aufrichtige Christen“, sprach sie, „Sie sind offen, ehrlich und geradeheraus, das gefällt mir“, meinte die ältere Dame mit dem oberbayerischen Trachtenanzug. „Ich will nun versuchen, in Zukunft auf mein „Gebiss“ mehr zu achten, sonst fällt es einmal noch beim Reden heraus!“ Alle lachten – selbst die sonst verbissene Frau Kupferstein.

„Unser Mund unter Gottes Kontrolle – das ist bei uns allen angebracht“, schob der Vater von Felix hinterher.

„Bei Ihnen etwa auch?“, fragte Frau Kupferstein.

„Ja, bei allen, die in Gefahr sind, mit ihrer Zunge Dummes anzustellen.“ Frau Kupferstein nickte heftig zustimmend und dabei zeigte sie mit dem Finger auf sich selber.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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