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Das durchbrochene Schweigen

„Natürlich, wer kann es schon anders sein als Georgios“, atmete Frau Strangulies schwer. Die Deutschlehrerin der 8b stöhnte, wenn sie in diese Klasse kam. Schon am hellen Morgen gab es um 7.40 Uhr wieder in ihrer Stunde eine Keilerei zwischen Tobias Kluge und Roland Walz oder zwischen Jürgen Baumann und Norbert Seidler. Aber schuld an allem war natürlich mal wieder Georgios Antoniadis. Der kleine, schmächtige Grieche mit den funkelnden Augen wurde von den Schülern immer als der Sündenbock hingestellt. Georgios war doch wie die anderen: ein Mix aus mal frech und mal anständig. Er war lebendig und drahtig und sonst ein lustiger Bursche. Nur – Georgios war Ausländer, und das sollte er ja immer recht ordentlich merken und spüren. Familie Antoniadis wohnte seit 21 Jahren in Waldenbusch bei Stuttgart. Georgios selbst sprach reinstes Schwäbisch als Dialekt, denn er war ja in Deutschland geboren. Er war eigentlich Deutscher und doch in den Augen der Kinder kein „echter“. Mit Vorurteilen vollgestopft stichelten und jubelten sich die jungen Leute hoch:

„Ausländer muffeln und stinken“, meinten die einen.

„Die Gastarbeiter sind doch Diebe und sägen das Treppengeländer im eigenen Hausgang ab“, bemerkten die anderen. Man fand auch an Georgios kein gutes Haar, obwohl sie keinen Grund gehabt hatten. Schon morgens wartete man auf ihn, um ihm irgendeinen Streich zu spielen oder ihn zu ärgern.

„Hallo, griechischer Wein“ – so begrüßte Dietmar übermütig und hochnäsig diesen Georgios. Und als Dietmar an ihm vorbeistreifte, schupste er ihm mit einem Wisch die Schreibmappe, den Bleistiftspitzer und sämtliche Hefte vom Tisch, so daß alles kreuz und quer auf dem Boden verstreut lag. Während die einen schadenfroh lachten, rollten Tränen über Georgios Gesicht. Kein Lehrer bemerkte etwas. Nur ein paar Leute der Klasse bekamen alles mit und unternahmen doch nichts, aus purer Angst vor den Großschwätzern. Diese Fünf in der Schulklasse befanden sich selbst in der Minderheit, weil sie sich als kleine Gruppe zum Schülerbibelkreis trafen. Dort wurde in der großen Pause die Bibel gelesen und gebetet. Man nannte sie die fromme Clique. Erwin, Wilhelm, Albrecht, Gerhard und Annemarie gehörten aus dieser Klasse dazu. Sie waren Christen und liebten den Herrn Jesus.

An diesem Tag durchbrach einer der Fünf das Schweigen.

„Das geht mir aber auf den ‚Keks‘ – wir sind feige und gemein“, flüsterte Annemarie Theilmann den anderen aus der Klasse, die zum Schülerbibelkreis gingen, zu.

„Saumäßig hinterlistig und unecht“, bemerkte Wilhelm dazu.

„Wir schweigen uns zu Tode und halten fromme Reden, aber wenn es drauf ankommt, uns zu den Schwachen zu halten und das Christsein zu leben, dann kneifen wir.“

„Stimmt, das geht so nicht weiter“, ergänzte Erwin, der „Lockige“ (weil er viele blonde Locken auf dem Kopf hatte). Nach dem Unterricht gingen sie auf Georgios zu. Als er sie sah, flüchtete er mit seinem Schulranzen im Eiltempo die knarrenden Schultreppen hinunter ins Freie. Er hatte Angst, sie wollten ihm an den Kragen. „Warte doch, Georgios!“ Hatte er recht gehört? Sie hatten Georgios und nicht „griechischer Wein“ gesagt? Mit dem rechten Namen hatte ihn selten einer angesprochen, außer dann, wenn sie von ihm irgendeine Hilfe benötigten. Er stoppte.

„Georgios, wir sagen dir kurz und bündig: Verzeihe uns, daß wir so Kneiferlinge sind und dich allein gelassen haben.“

„Stimmt’s? Du weißt, daß wir Christen sind, und wir haben uns so dumm benommen.“ Georgios liefen wieder die Tränen über das Gesicht, und er blickte verkrampft.

„Ich bin es doch auch!“

„Was bist du?“ fragte Gerhard. Georgios rannte wieder weg. Die Fünf flitzten dem Jungen hinterher. Am Rathausbrunnen stoppten sie ihn.

„Jetzt verrate uns – was bist du?“

„Ich … äähh … ich bin … auch Christ und habe Jesus Christus lieb!“

„Wie – und du bist nie im Schülerbibelkreis gelandet?“

„Nein“, antwortete Georgios, „ich fürchtete mich, weil ihr euch gar nicht unterschieden habt von den anderen in der Klasse – und ich getraute mich nicht, auch noch zu sagen, daß ich in den Kindergottesdienst der Johanneskirche ging. Sonst wäre der Ofen aus gewesen …“

Mit einer Mischung aus hochrotem Kopf und einer Leichenblässe standen die „Bibelkreisler“ vor ihm.

„Wir sind echt die ‚falschen Fünf‘ gewesen. Georgios, lieber Bruder im Herrn Jesus, vergibst du nochmals?“

„Na, ich weiß nicht recht …“, bemerkte Georgios, den Kopf gesenkt.

„Komm schon, Georgios!“

„Christen enttäuschen, aber Christus nie!“ sagte Annemarie altklug.

„Mmhh, nun, lachen kann ich noch nicht, aber ich freue mich über euch“, äußerte er sich. „Und ich hab‘ da noch eine Frage: Mögt ihr mich auch als Ausländer und zusätzlich als Mensch und nicht nur als Christenfreund?“ setzte er seinem vorigen Satz fragend hinzu.

„So eine dumme Frage, klar doch – im Johannesevangelium, Kapitel 3 Vers 16 steht es doch!“ sagte Gerhard.

„Das ist wirklich keine dumme Frage und heutzutage keineswegs selbstverständlich!“ empörte sich Erwin.

„Liebe trainieren oder so, sagte der Prophet Micha im sechsten Kapitel, das ist ein Stück Arbeit“, ergänzte Wilhelm.

„Wollen wir das alle miteinander in Zukunft trainieren?“ forderte Annemarie fragend.

„Wie oft soll man das trainieren?“ fragte Gerhard.

„Ach, bloß 96 Viertelstunden am Tag!“

„Ach, bloß …!“ bemerkten die anderen lächelnd.

„Das ist eine neue Sportart, oder?“ fragte Georgios.

„Nein“, antwortete Annemarie. „Ururururur-alt … sie wird bloß auch unter Christen leider selten geübt …“

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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