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Da blieb der Bissen im Hals stecken …

Frau Fischle lebte in Gengenbach im schönen schwarzwälder Kinzigtal. Ihre 72 Jahre sah man ihr zwar nicht so an, aber das Laufen, Einkaufen, Spazierengehen fiel ihr doch sichtlich schwer. Vieles hatte sie erlebt: den 2. Weltkrieg, die armen 50er Jahre, stürmische Zeiten mit ihren Kindern und den plötzlichen Tod ihres Mannes vor acht Jahren.

Die Meldung damals traf sie hart. Beim Reparieren einer Oberleitung am Bahnhof berührte ihr Mann das Stromkabel und bekam einen tödlichen Stromstoß. Er stand kurz vor seiner Altersruhezeit. Und nun plagte sie die Einsamkeit. Ihr Halt und ihre Kraft war ihre Bibel – das jedoch noch nicht lange. Sie hatte die Heilige Schrift erst vor wenigen Jahren in ihrer Verzweiflung aus dem Schlafzimmerschrank herausgekramt.

Bitterkeit plagte sie. Warum besuchten ihre Kinder sie so selten? „Weshalb bin ich noch auf der Welt?“ fragte sie sich. „Bin ich überhaupt noch zu etwas nütze?“ schluchzte sie so vor sich hin.

So griff sie immer wieder zur ihrer nun liebgewordenen Bibel und rief zu ihrem Gott, er möge ihr noch eine Aufgabe zeigen.

Pastor Albrecht Wandel von der christlichen Gemeinschaft nahm bei seinen Hausbesuchen die Not der Frau schweigend zur Kenntnis. Er hatte selbst manche Sorgen. Viele Gespräche und Gottesdienste hielt er. Er war ein fleißiger Mann. Aber nächtelang lag er hellwach in seinem Bett und mußte über seine vielen Schreibarbeiten nachdenken. Er kam in seiner Arbeit nicht mehr richtig nach. Briefe schreiben, Anträge versenden, Listen abtippen, Karteikarten ausfüllen. Das schlauchte ihn.

Eines Nachts im Januar lag er wieder, fast wie zur Gewohnheit geworden, zwischen zwei und vier Uhr wach da. Da kam ihm ein eigenartiger Gedanke. Frau Fischle sprach doch immer wieder darüber, ob sie wohl noch Gottes Führung erleben dürfte.

„Nicht unnütz sein“, hörte er in Gedanken ihr Flehen beim letzten Gespräch. „War sie nicht Sekretärin bei einer Möbelfabrik gewesen?“ überlegte er. „Au, das ist es – genau, das ist es! Ich will sie fragen …“, sprach er laut vor sich hin, so daß seine Frau neben ihm aufwachte.

„Hast du geträumt?“ fragte sie.

„Nein, nein, mir ist nur etwas klar geworden.“

Und so erzählte er seiner Frau diese Gedanken – sie stimmte ihm nickend zu.

Am nächsten Morgen griff er zum Telefon. „Könnte ich um halb zehn Uhr heute morgen bei Ihnen vorbeirauschen, Frau Fischle? Ich muß Sie dringend sprechen.“

Frau Fischle saß am Tisch und frühstückte gerade. Ihr blieb fast der Bissen im Hals stecken. „Ja, was will denn der Pastor Wandel so früh bei mir?“

Es verging kaum eine halbe Stunde. Mit seinem VW-Toledo raste er fast verbotenerweise die Hausacherstraße hoch. „Frau Fischle, wollen Sie meine Mitarbeiterin werden?“ Frau Fischle überschlug sich fast im Schaukelstuhl.

„Was, ich?“ meinte sie.

„Ja, Sie – das ist mir klar geworden. Gott will noch was mit Ihnen tun, und ich bräuchte Ihre Hilfe!“ sagte Pastor Wandel.

Blitzartig drückte sie den Schaukelstuhl nach vorn und stand auf vor Pastor Wandel, grinste und sagte: „Hier bin ich!“ Dann hob sie den rechten Zeigefinger und drückte ihn auf den Bibelvers in Psalm 32,8, den sie heute morgen gelesen hatte. Jetzt war die Stunde Gottes für sie gekommen.

„Maßarbeit Gottes, stimmt’s?“ Frau Fischle war seit diesem Tag in ganz neuer Frische für Gott da. Gott führte zur rechten Zeit an den rechten Platz.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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