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Blamiert bis ins Jahr 5006

„Wolfgang, was ist eine Cydonia oblonga?“

„Da…da… das ist eine Tu…tu… Tulpe!“ antwortete er gekonnt falsch.

„Mensch Wolfgang: Das ist doch ein apfelartiger Kernobststrauch aus dem Orient – zu deutsch Quitte -, begreifst du’s nach zehnmaligem Erwähnen in der Stunde immer noch nicht?“ empörte sich Irmtraud Burkhardt, die Biolehrerin, künstlich vor allen Mädchen und Jungen der 7a. „Paah, der weiß noch nicht einmal, wie man bis drei zählt“, schob die Lehrerin hinterher.

Wolfgang Rueß aus Wittlingen bei Bad Urach hockte mit einem halben Nervenzusammenbruch im Naturkundeunterricht vor dem Biologiebuch. „Ich krieg das nicht in mein Hirn rein“, beklagte er sich. Für ihn war’s allerdings wirklich ernst. Fast keiner von den anderen Schülern begriff, daß er tiefe Not und Ängste vor dem Versagen in diesem Fach hatte. Einige Schüler verzogen genüßlich die Miene, wenn Wolfgang wieder einmal im Biounterricht an den lateinischen Begriffen für die verschiedenen Topfpflanzen und Obstsorten hängenblieb. Frau Burkhardt, die altgediente Superbiologin, zeigte auch wenig Verständnis für die „hoffnungs-lose Ahnungslosigkeit“ von Wolfgang.

„Diese Abscheu, mit der du dieses lebenswichtige Fach behandelst …“, bemerkte sie bissig, aggressiv und überlegen.

Wolfgang stellte sich beim Auswendiglernen echt hilflos an, obwohl er sich Mühe gab. Er mochte dieses Fach nicht, wußte aber, daß er’s für die Zwischenprüfung wissen müßte.

„Die ist widerlich, diese Frau!“ Gesine Hartmann, die „Neue“ aus Kohlberg bei Metzingen, ärgerte sich über dieses holzige Verhalten der Lehrerin und hatte Bedauern mit Wolfgang. „Laß den Kopf nicht hängen, Wolfi!“ Zu Hause berichtete Gesine Hartmann von dem „Klassenereignis“ mit Wolfgang und wie sehr ihr die Demütigung durch die Lehrerin und den anderen Schülern leid tat.

Frau Hartmann, Gesines Mutter, wurde beim Bericht stutzig und hellhörig. „Wie heißt eure Biolehrerin?“

„Irmgard Burkhardt“, gab Gesine zur Antwort.

„Waaas, die Irmi?“ Schallendes Gelächter in der Hengenerstraße. „Die ist was geworden?“ schmunzelte Frau Hartmann.

„Wieso?“ fragte Gesine, während sie ein Leberwurstbrot verschlang.

„Tja, die Frau Burkhardt wurde in Kohlberg, wo wir bis kürzlich wohnten, zu meiner Schulzeit die ‘Schlafmütze der Nation’ genannt. Die hatte ‘ne Schrift, die keiner lesen konnte, und eine Auffassungsgabe wie eine Schildkröte! Gesinchen, Irmgard Burkhardt war dermaßen langsam und gehörte nicht zu den Hellsten der Klasse“, murmelte Frau Hartmann mit schelmischem Blick. „Aber, psst … das bleibt unter uns, Gesine!“

„Aber, aber, das muß man doch der ganzen Klasse prompt sagen, dann ist sie bis ins Jahr 5006 blamiert!“ Gesine raste vor Rachsucht im Wohnzimmer mit Tempo 190 herum.

„Aber Gesine!“ Mutter reagierte empfindlich auf dieses Verhalten. „Ich verstehe dich – wir Christen sind manchmal auch stocksauer, aber müssen wir jetzt mit gleicher Münze zurückzahlen? Jesus Christus ist so großartig, daß er immer wieder Gelegenheiten zeigt, wie wir demütig und nicht dumm reagieren können!“

„Demütig? Was heißt denn das, Mami?“

„Nun, Demut ist der Mut, Spannungen auszuhalten und nicht gleich davonzurennen!“ Gekonnt gab Frau Hartmann ihrer Gesine eine Hilfe. „Ich werde aber auch etwas tun – du wirst schon sehen!“  Donnerstagmorgen war wieder Biologieunterricht. Kurz vor dem Unterricht trat Frau Hartmann vors Klassenzimmer und paßte Irmtraud Burkhardt ab. Mit Stöckelschuhen klapperte die Lehrerin mutigen Schritts auf sie zu.

„Ja, ist das denn die Möglichkeit – Renate Hartmann, was … ach … duuu bist die Mutter von Gesine?! Das ist aber eine Überraschung!“

„Hallo, Irmi, wer hätte das gedacht – du hier und Lehrerin!“ Frau Hartmann grinste verstohlen. „Du, Irmi, Hand aufs Herz, wir kennen uns doch noch gut, oder?“

„Aber klar doch, Renate! Was gibt’s denn – ein Klassentreffen von früher, oder was?“

„Nein, Irmi. Ich komme wegen Wolfgang Rueß“, antwortete sie.

„Du wegen ihm?“

„Irmi – weißt du noch vor 28 Jahren … soll ich’s etwa allen erzählen, Irmi?“

„Aber Renate … Renate ich … ich finde, daß ist ja eine Erpress…“

„Irmi – nein, nur eine Erinnerung. Es geht ja nicht um mich und um Böses. Denk nur an dich, dann ist es in Ordnung!“ Irmtraud Burkhardt klopfte Frau Hartmann mit einem leichten Tatsch auf die Schulter.

„Ich glaube, ich meine, ich werde … danke, Renate für diesen Denkzettel! Aber … es bleibt unter uns, bitte, Renate!“

„Irmi, wenn du’s begriffen hast …?!“ entgegnete Frau Hartmann.

Pfeifend kam Wolfgang Rueß nach der Stunde aus dem Klassenzimmer. „Was ist mit der heute los gewesen – so aufmerksam, rücksichts- und verständnisvoll und freundlich? Das ist ein pures Wunder!“

„Ich kann mir schon denken, weshalb das so ist …!“ sagte Gesine. „Eine demütige Frau war an dem Wunder beteiligt“, bemerkte sie lächelnd.

„Was ist denn das nun schon wieder?“ fragte Wolfgang. Kopfschüttelnd, aber erleichtert rannte er vergnügt die Schwalbenstraße entlang.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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