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Geheimverhandlungen im Jugendcamp

„Irgendwann zahle ich’s dir heim!“ Anton Harthoff konnte es nicht überwinden, daß ihn sein ehemaliger Freund, Joachim Beusch, um Ehre und Ansehen getäuscht hatte. Bei einem Erfinderwettbewerb stahl ihm Joachim bei einem harmlosen Besuch sämtliche Pläne für das preisgekrönte Modell eines Lenkdrachens. Anton hatte eine enorme Wut im Bauch, denn der Gewinner des Wettbewerbs durfte eine Woche ins schweizerische Wallis skifahren gehen.

Vergrämt und voll rachsüchtiger, heilloser Gedanken, war Anton nicht mehr der Frühere. Sonst immer zu Späßen aufgelegt, wurde er ein Eigenbrötler. Warum gerade Joachim? Sein bester, einziger Freund?

Inzwischen waren die Jahre ins Land gegangen. Joachim war Geschäftsmann bei einer großen Firma in Friedrichshafen am Bodensee geworden. Anton arbeitete als Ingenieur bei einer Landmaschinenfabrik in der Nähe von Saarbrücken. Die Wege liefen auseinander. Beide heirateten und hatten Kinder. Und diese Kinder meldeten sich unabhängig voneinander zu einem Jugendcamp nach Gundelshausen im Schwarzwald an. Die Väter wußten nichts von dem allem.

Während dem guten und fetzigen Programm mit internationalen Gästen waren auch die Eltern eingeladen, und zahlreiche kamen dann aus ganz Deutschland mit dazu. Die Harthoffs und die Beuschens waren auch dabei. Nur irgendwie erkannten sie sich im Gewühle der vielen Leute nicht.

Am Abend stand eine Attraktion auf dem Programm: An einer künstlichen Felswand durften sich Teilnehmer unter strenger und genauer Aufsicht abseilen und ihr Können zeigen. Der Sohn von Harthoffs hatte einen glänzenden Start. Langsam und vorsichtig bewegten sich die Körper an den Felskanten abwärts. Plötzlich lockerte sich ein zweites Sicherungsseil, und Heinz Harthoff, der Sohn von Anton, kam ins Schlingern. Wie im Nu sprang Herr Beusch, nicht ahnend, daß sein früherer Freund Anton unter den Eltern saß, nach vorn und griff fachmännisch mit Seilen an die Sicherungen. Mit großer Genauigkeit half er mit, daß Heinz Harthoff abgeseilt wurde. Totenbleich beobachtete Anton dieses Geschehnis. „War er es nicht … ist er es nicht …?“

Anton sprang auf. In ihm kamen alle Erinnerungen hoch, und doch waren sie in einem Nu wie umgeändert. Er raste nach vorn, und Anton und Joachim sahen sich fast eine halbe Minute sprachlos an. Totenstille. Was war das? Zwei Väter starrten sich an.

„Bist du es, Anton?“ flüsterte Joachim. Die Söhne guckten sich gegenseitig an. Ihre Väter kannten sich wohl … „Bitte vergib mir meine Gemeinheit, Anton!“ Und Anton schluckte dreimal.

„Ach, Joachim, danke, danke, daß du meinem Sohn geholfen hast!“

„Du, Anton, ich will wissen: Verzeihst du mir nochmals?“

Gerade wollte bei Anton wieder alles hochkommen. Die Schlagader am Hals pochte. Soll er so mir nichts, dir nichts einfach vergeben? Und da kam ihm Joachim zuvor.

„Anton, es hat sich viel verändert in letzter Zeit. Vor wenigen Monaten kam ich bei einer Veranstaltung einer Gemeinde zum Glauben an Jesus Christus. Und ich erkannte: Das, was mit Anton war, das war eine große Schuld. Ich bat Gott: Gib mir eine Gelegenheit, daß ich ihn treffe – den Anton!“

„Und – stimmt es, was Gott sagt?“ Anton war gerührt. Wenn das stimmte, dann musste sich bei ihm auch ganz viel ändern. Die Zuschauergruppe saß immer noch versteinert da. Was war denn das, was die beiden verhandelten? Eine Geheimverhandlung? Und da – was passiert jetzt? Die beiden fielen sich in die Arme. Beide schlenderten wie ein junges Pärchen fröhlich zu den Sitzreihen.

Ein vornehmer Herr zischte zu ihnen hin: „Was ist denn mit Ihnen los?“

„Geheim, geheim!“, antworteten sie und gingen an ihre Plätze. Durch Vergebung wurde wieder ein Problem-Knoten dieser Welt gelöst – einfach gelöst!

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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