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Spionage am Sauerkirschbaum

„Hör endlich mit deinem Geklimper auf“, rief Tommy verärgert seiner Schwester Verena zu. Jeden Tag gab’s Zoff im Hause Schweizer. „Das sind ja 5000 Watt, die du da auf deinem Klavier herumhämmerst!“ Bissig vergrub sich der 12jährige Junge auf dem Sofa im Höhenringweg in Stuttgart.

„Dir ist’s ja bloß ewig langweilig, du kannst mit dir nichts anfangen“, entgegnete die 13jährige in nicht minderem Tonfall. Vater Schweizer griff nach langem Geschrei in das Kampfgeschehen ein.

„Packt eure Sachen, wir fahren zum Fernsehturm und anschließend ins Remstal, nach Beutelsbach. Dort besuchen wir noch einen Geschäftskollegen von mir.

„Uaa, das ist ja kitsch-langweilig, Paps“, spottete Verena. „Gleich muß ich zu Isabell und dann zum Ruthli. Schulaufgaben und so. Und dann hat sie mich …“

Wie aus der Pistole geschossen unterbrach Tommy ebenfalls mit einem Wortschwall. „Au Mann, Dad, vermies uns doch nicht den Nachmittag. Auch ich bin im Stress: 14 Uhr zu Drilli ins Pulverfass, um 16 Uhr zum Dance-Teeny-Club und abends bei Samu gucken wir in der Arena noch den schicken Evening-Krimi an …“ Verena und Tommy schleuderten von 0 auf 100 ihrem Vater tausendeinhundertfünfundachtzig Informationen an den Hals. Vom Affengeschrei der Kinder hetzte Mutter Schweizer entsetzt ins Zimmer.

„Welche Katastrophe ist denn da ausgebrochen?“

„Ah, die Kinder wollen mal wieder zickig den Tag verschönern“, bemerkte Herr Schweizer zitternd und angestrengt, die Lippen zu einem krampfartigen Lächeln verzerrt, nachdem er seiner Frau den „Terminplan“ ihrer Kinder geschildert hatte.

„Und wer bezahlt die Aktivitäten?“ fragte die Mutter. Fassungslos starrten sich die Kinder an.

„Na ihr, wer denn sonst?“ reagierten beide Kids trotzig. Angespannt bis unter die Zimmerdecke war das Wohnzimmer-Klima.

„Ich komme gleich wieder“, sagte Herr Schweizer und huschte fluchtartig in die Garage. Dort setzte er sich auf einen alten Winterreifen. Er hielt seine Hände vor das Gesicht und schluchzte als 45jähriger Mann haltlos hinein. „Herr Jesus, habe ich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann? Ich weiß mir keinen Rat mehr.“ Verstört schnellte er von seinem Sitzplatz auf und zog sich in den herrlichen großen Garten zurück, der im sommerlichen Grün nach Blumen und frisch gemähtem Gras duftete. Er lehnte sich an einen Sauerkirschbaum und betete verzweifelt. „Oh mein Herr, unsere Kinder merken gar nicht, wie sehr wir sie lieb haben, und verbieten wollen wir doch auch nicht alles. Was sollen wir noch tun? Sie schätzen gar nicht mehr, daß es ihnen so „goldig“ geht gegenüber Kindern in anderen Ländern. Bitte, bitte, Herr, mach du es ihnen doch klar und rette sie!“ Die Tränen liefen dem gestandenen Mechanikermeister wie ein Bach an den Wangen herab. „Bewege du sie doch, daß sie zum Glauben an dich, den Sohn Gottes, finden!“

Was er während seines Gebets nicht bemerkt hatte, war, daß Verena ihm leise und verschämt über ihr Verhalten nachgeeilt war. Heimlich hörte sie sein Gebet mit an. Zuerst wollte sie nur mal am Kirschbaum ausspionieren, was Vater tun wollte. Erstarrt von dem Gespräch ihres Paps mit Gott und erschüttert über sich selbst bekam auch sie nasse Augen. Dieses Gebet! Nie hätte sie gedacht, daß ihre Eltern wirklich so ernsthaft besorgt wären über sie und ihren Bruder. Aber dieses erschütternde, herzergreifende Gebet! Ihr Vater kämpfte wirklich um sie, allein um sie! Immer dachte Verena, daß das fromme Leben ihrer Eltern eine Art Schauspielerei vor den Kindern gewesen sei, obwohl der Alltag und der Sonntag mit Jesus gelebt und verbracht wurde. Gebete hatte sie tagein, tagaus gehört. Nun merkte Verena, daß ihre Eltern echte „Goldstücke“ waren. Noch nie war’s ihr deutlicher als an diesem Erlebnis am Kirschbaum. Vater und Mutter waren ja tatsächlich rundum echte Christen! Alles normal und echt! Nichts mit Heiligenschein.

Verena schlich schnurstracks auf ihr Zimmer und kniete am Stuhl vor ihrem Schreibtisch nieder, wo sonst eigentlich neben den Schulsachen nur schnottrige Heftchen herumlagen. „Gott, mein Gott, ich will mit dir ernst machen“, betete sie. „Ich kann nicht so weiterleben wie bisher, so schlapprig und sinnlos. Ja, Herr, ich bitte dich um Vergebung meiner Sünden, aller meiner Entfernung von dir!“ Innig sprach Verena mit ihrem Gott, dem sie nun ihr Leben anvertraute. Ihre Eltern bat sie ebenfalls um Vergebung.

Streit und Meinungsverschiedenheiten gab’s immer wieder auch nach diesem Tag. Die Eltern bemerkten jedoch bei Verena eine grundlegende Veränderung. „Die hat echtes Gold gefunden“, sagten sie sich immer wieder zueinander. Tommy allerdings wurde von dem Ereignis erst viel später berührt, als er dann auf einer Jugendfreizeit im Sauerland zum Glauben an Jesus Christus kam.

„Hauptsache, er hat’s auch gepackt“, erinnerte Herr Schweizer seine Frau dann überglücklich, als sie irgendwann beim Kaffeetrinken am schön gedeckten Tisch unter dem Sauerkirschbaum saßen.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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