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Nächte der Angst

Mit ernster Miene saß Frau Rebmann im Wartezimmer des Kreiskrankenhauses in Balingen in Württemberg. Was soll nur aus ihrem Kind im Mutterleib werden? Wenige Wochen vorher eröffnete der Arzt ihr, daß das Kind, wenn es überhaupt lebend zur Welt kommen sollte, mit 70%iger Sicherheit herzkrank sein würde. Und nun waren es nur noch wenige Tage. Familie Rebmann war restlos mit den Nerven fertig. Die Nächte waren unendlich grauenhaft. Immer wieder mußte Herr Rebmann seine Frau trösten. Sie hatten schon zwei kränkliche Kinder – und nun etwa wieder?

„Du, Gott, da oben, was mutest du uns noch alles zu?“ schrie Frau Rebmann verbittert in Richtung Himmel. Sie hatte, ebenso wie ihr Mann, bisher keine Verbindung zu Jesus. Doch ihr jüngster Sohn Richard, oder Ricky, wie sie ihn nannten, hatte Jesus lieb. In der Jungschar bei Herbert Strobel durfte er auf einer Wochenend-Hüttenfreizeit bei Ebingen zum Glauben kommen. Ricky zog das linke Bein etwas nach. Von Geburt an mußte er diese Behinderung ertragen. Oft schon hatten sich Gleichaltrige seiner Klasse über ihn lächerlich gemacht. „Klumpfuß“, riefen sie ihm nach oder „Hinkebein“. Seit er aber Jesus fand, indem er die Geschichten der Bibel für sich persönlich annahm, konnte er damit besser fertig werden. Wohl belastete ihn die körperliche Behinderung noch in seinen Gefühlen, doch lange nicht mehr so wie früher.

Als Ricky von den Eltern erfuhr, wie es um Mutter und das kommende Baby stand, entdeckte er drei Dinge, die er sonst in seinem ganzen bisherigen Leben nicht erfahren hatte: Erstens konnte er beten und bei Jesus Christus alles abladen – auch die Sorge in der Familie; zweitens hatte er einen großartigen Ansprechpartner, nämlich seinen Jungscharleiter. Der half ihm durch einfühlsame Worte weiter, und er betete oft mit Ricky; und drittens konnte er aus Gottes Wort, der Bibel, Hilfe in seinen Fragen erhalten.

„Mutti, jetzt warte doch mal ab, was Jesus noch tut. Ich habe für das Baby fest gebetet“, sagte der Elfjährige fast täglich, bevor das Buckelrennen zur Schule begann. „Gott hat immer noch das letzte Wort und nicht irgendein komisches Schicksal“, fügte Ricky hinzu. Er vertraute dem Herrn. „Wir müssen uns Jesus anvertrauen, auch wenn manches im Leben schief geht.“ Täglich wiederholte er das, und dabei hatte er ein eigenartiges, siegessicheres Lächeln auf den Lippen.

„Der Junge ist doch außergewöhnlich – aber, ach, wenn er nur recht hätte“, seufzte die Mutter nachdenklich. Kopfschüttelnd und mitleidig sah sie ihm jedesmal hinterher, wenn er fröhlich und unbekümmert zur Schule sprang. Dabei kam bei Frau Rebmann ständig Bitterkeit gegen Gott hoch, als sie Ricky humpelnd davonflitzen sah.

„Aber Mutter“, sagte Herr Rebmann zu seiner Frau, „selbst wenn alles schiefgeht und er nicht recht hätte: trotzdem hat er viel mehr, als wir beide momentan haben!“ Verstohlen nickte Frau Rebmann zustimmend. Und nun saß sie wieder vor dem Arzt. Ihr kam die Warterei zur erneuten Untersuchung wie eine Quälerei vor. Aufgeregt biß sie an den Fingernägeln. Sie litt schon so viel in ihrem Herzen, wenn sie an alle Sorgen dachte. An diesem Morgen betete sie zum ersten Mal ganz leise.

„Herr, Herr, Herr … Jesus, ich getraue mich gar nicht, dich anzusprechen, weil ich mir so falsch vorkomme, aber … greife du doch bitte ein und … du sollst keine Notlösung sein.“ Mehrmals wiederholte sie dieses Gebet.

„Frau Reeebmaaann!“ Sie war so in Gedanken versunken, daß die Sprechstundenhilfe erneut nach ihrem Namen rufen mußte. Der freundliche Arzt untersuchte die Frau gründlich. Er nahm sich viel Zeit. Mit Ultraschall und einem Herzton-Gerät überprüfte er den Gesundheitszustand des noch ungeborenen Kindes. Auf einmal wurde der sonst so routinierte Frauenarzt ganz aufgeregt.

„Ich bin mir nicht mehr sicher … schnell, Schwester Gaby, der Kinderarzt und eine Hebamme sollen rasch kommen. Das ist was … Dalli, dalli, Schwester Gaby, so beeilen Sie sich doch!“ Frau Rebmann war verunsichert. Sollte ihr Kind tot sein?

„Herr Doktor, sagen sie mir die Wahrheit: Ist es schlimm?“

„Momentchen noch, Frau Rebmann“, antwortete der fachkundige, langjährige Spezialist. In der Zwischenzeit hetzte der herzugerufene Kinderarzt und die Hebamme ins Untersuchungszimmer hinein. „Ich stehe vor einem Rätsel, aber das Kind hat ganz normale Herztöne und … sehen sie selbst … das Ultraschallbild und die Aufzeichnungen am Wehenschreiber und …“ Die Worte überschlugen sich fast, so unfaßbar erstaunt schilderte er die neueren Untersuchungsergebnisse. „Ich stelle keine Herzprobleme mehr fest. Alles in Ordnung, alles ganz normal“, sagte der überaus verwunderte Mann und schaute milde in das erwartungsvolle Gesicht der Frau. Die Augen von Frau Rebmann leuchteten. Sie mußte jedoch die ganze Untersuchung mit den herbeigerufenenen Mitarbeitern des Kreiskrankenhauses in Balingen nochmals durchlaufen. Alle stellten fest, daß das Kind tatsächlich kerngesund war. Die Feststellung der Ärzte lautete: Wir haben uns geirrt! Doch Frau Rebmann wußte, daß es kein ärztlicher Irrtum war: Gott hat eingegriffen!

„Ich weiß, daß Jesus, an den ich nun glaube, das Kind gesund gemacht hat“, bekannte sie vor den Anwesenden, die immer noch vor Verwunderung den Kopf schüttelten. Sie konnten mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus nichts anfangen. Dafür aber Frau Rebmann. Auf dem Heimweg konnte sie vor lauter Glück kaum konzentriert nach Hause laufen. Sie strahlte vor Freude. Mehrmals rempelte sie unbeabsichtigt einige vorbeieilende Leute auf der Straße an, weil sie so vor Glück „aus dem Häuschen war“. Sie nahm aufgrund des Ereignisses ein Taxi nach Frommern, wo die Familie wohnte.

„Haben Sie ‘ne Million im Lotto gewonnen, weil Sie so gut aufgelegt sind?“ fragte der Taxifahrer.

„Eine Million? Das ist doch gar nichts gegen den Hauptgewinn, den ich erhalten habe!“ antwortete sie.

„Waaas, etwa zwei Millionen?“ fragte der Fahrer scherzend.

„Ich habe Jesus entdeckt!“ Sie blickte den Mann überzeugt an.

Rickys Gebet und sein Glaube wurden belohnt. „Habe ich’s dir nicht gesagt?“ jubelte er und hüpfte im Hausflur wie ein Gummiball auf und ab, nachdem er Mutters Bericht gehört hatte. Dieser Tag änderte das Leben der ganzen Familie.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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