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Das kalte Grausen

„Das ist doch der allerletzte Hit in Europa!“ Sonja Bachhofer jubelte über den Vorschlag von den Jungscharleitern Günther Baumgärtner und Birgit Ebinger.

„Prima und oberfetzig so eine Höhlenbesichtigung bei Schenkenzell“, bemerkte Heidi Judt laut dazu. In dem waldreichen badischen Gebiet im Kinzigtal bei Freudenstadt konnte man klettern, spielen, wandern und natürlich nach Herzenslust schreien und toben. Die 18 Mädchen und Jungen der Wochenendfreizeit einer Jungschar aus Tennenbronn erlebten mit ihren drahtigen Jungscharleitern keine ruhige Sekunde. Eine fröhliche Stimmung herrschte unter allen.

„Super, dieses Großerlebnis, mal Höhlenforscher zu spielen“, sagte Sonja.

„Macht die Augen auf, in der Lehengericht-Höhle sind extrem kantige Stellen, und hört genau, was ich euch sage!“ befahl Günther Baumgärtner.

Heidi, eine zappelig-fröhliche Teilnehmerin war wieder einmal die Überschnelle. Zackig und ein wenig aufgeregt tastete sie sich mit ihrer Taschenlampe vor. „Du, Sonni“, zischte sie zu ihrer Freundin, „komm, wir wollen die ersten sein, die den kleinen Bergsee im Innern der Höhle erreichen.“ Im hellen Schein der Taschenlämpchen kroch die Schar der Mädchen und Jungen mit eingezogenem Genick durch den Höhlengang. Sie konnten gerade noch aufrecht stehen und gehen. Doch die Leiter hatten nicht bemerkt, daß Sonja und Heidi fehlten.

„Alle da?“ rief Birgit. Die Taschenlampen funkelten wie Sterne in dem stockdunklen Höhlengeflecht.

„Unglaublich viele Gänge hier“, meinte Brigitta Frey. In der Zwischenzeit geschah aber das typische für Halbausreißer wie Sonja und Heidi. Wie im Kriminalfilm verschwanden die beiden im Höhlengewirr.

„Die Stimmen der anderen hören sich so weit weg an“, sagte Sonja. Tapsend und stolpernd tippelten sie Schritt für Schritt voran und hielten dann an.

„Meine Taschenlampe flackert! Du, die wird immer schwächer!“ rief Heidi ängstlich. Die sonst so waghalsigen Mädchen bekamen das Muckensausen und ein wenig das kalte Grausen.

„Hallihallo!“ schrien sie nach Leibeskräften. Schon dumpf hallte das Lebenszeichen.

Günther und Birgit blickten sich im Schein der Taschenlampe an. „Mensch, das hört sich ja an wie … Sonja und Heidi! Wooooo seid iiihhhr?“

„Hiiieeer!“

„Wooo hiiieeer?“

„Ja hiiieeer!“

„Ich glaube, wir haben ein Problem“, flüsterte Günther zu Birgit im Halbdunkel schauend. „Wir wissen nicht, wo die Mädchen sind … 100 Meter, vielleicht nur 20 Meter entfernt“, schob er hinterher. Kurzes Schweigen.

„Mmmh, ich habe eine Idee, wie wir sie finden könnten“, meinte Birgit Ebinger. Sie rief alle Jungen und Mädchen in eine Höhlenecke, indem sie ihre Taschenlampe kreisen ließ. „Habt ihr mich gut gefunden?“

Alle Kinder bejahten es durch ein knappes „ehem, ja, grade so“.

„Ihr habt gemerkt, daß Sonja und Heidi fehlen. Die sind irgendwo weiter unten und können uns nicht mehr entdecken. Wir müssen jetzt ganz ruhig bleiben. Jetzt beten wir zuerst, okay?“ Die Anweisungen von Birgit und Günther wurden ruckzuck befolgt. „Gott hat bessere Augen als wir“, sagte Birgit kurz vor dem Gebet. „Er sieht uns und kennt jeden Winkel auch unseres Herzens“, schob sie erklärend nach.

„Und wir sind sehr begrenzt mit unseren Augen, Ohren und der Nase“, piepste Maike, die Kleinste unter den Rabauken, altklug dazwischen.

Günther befahl nun in schrillem Ton: „Alle Hände mit den Taschenlampen auf einen Punkt, daß ein großes Licht entsteht und dann zeigt in das Innere der Höhle!“

Sonja und Heidi, halb schluchzend vor Angst, sahen plötzlich die Anzahl von kleinen Lichtpunkten ganz dicht aufeinander. „Da müssen wir hin“, erkannte Heidi. Langsamen Fußes schritten die beiden Mini-Ausreißer in Richtung Licht. Ihre Augen konzentrierten sie auf den Lichtschein. Wenige Augenblicke später war der Krimi in der Höhle beendet.

„Puuh, wie sind wir froh, daß wir euch wieder spüren und sehen und … hören können“, sagte Sonja.

„Und wir erst!“ Günther zog mahnend die Augenbrauen hoch und linste väterlich durch seine etwas ältere Brille. „Was sind wir doch froh, daß uns Gott auch immer wieder seine Hilfe spüren läßt“, sagte er mit betonten Worten.

„Und wir sehen auch immer wieder, was für Dummköpfe wir sind“, brummelte Sonja einsichtsvoll.

„Jetzt aber, auf mit euch ins Lager!“ Günther Baumgärtner, Sonja Bachhofer und alle anderen beeilten sich aus „Kohldampfgründen“, daß sie bald zu ihrem Spaghetti-Bolognese-Essen kamen, denn es war spät geworden.

 

Autor: Ralph Doll

(aus: Voll-TREFFER – pfiffige Zeitschrift für Kids; © Christliche Verlagsgesellschaft mbH Dillenburg)

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